16| Geograph, Afrikaforscher und Publizist – Der Teilnachlass Otto Kersten in der Sammlung Perthes Gotha

Trotz zahlreicher Entdeckungsfahrten und Forschungsreisen im ausgehenden 18. Jahrhundert galt Ostafrika noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als nicht vollständig geographisch erschlossen. Angetrieben durch das steigende wirtschaftliche, politische und persönliche Interesse, auch die letzten weißen Flecken auf den Landkarten Ostafrikas zu schließen, machten sich die Geographen und Kartographen Carl Claus von der Decken und Otto Kersten Anfang der 1860er Jahre gemeinsam auf die Reise, diese Region zu erkunden. Aufgrund der Vermittlung von Heinrich Barth, seiner Zeit einer der bedeutendsten deutschen Afrikaforscher, begleitete Otto Kersten von der Decken auf dessen zweiter Kilimandscharo-Reise. Dies sollte nicht das einzige Reisevorhaben der Männer bleiben. In mehr als drei Jahren gemeinsamer Expeditionszeit im äquatorialen Ost-Afrika erkundeten sie von Sansibar aus die Seychellen, erforschten Réunion und bestiegen den Kilimandscharo. Als Erforscher des östlichen Afrikas vermaßen und verzeichneten sie zwischen 1862 und 1865 sowohl Landschaftszüge als auch Seen und Gebirge und reihen sich damit in die Riege der europäischen Afrikakartographen des 19. Jahrhunderts ein. Durch ihre Erkenntnisse über die Topographie als auch über die geographischen Koordinaten des Kilimandscharo, welche Bruno Hassenstein – der Schüler des wohl bekanntesten Gothaer Kartographen August Petermann– in einer Karte zusammenfasste und diese erstmals im Justus Perthes Verlag veröffentlichte, wurden die Forschungsreisenden bekannt (Anm. 1).
Am 2. Oktober 1865 starb von der Decken bei einer Expedition durch einen Hinterhalt von Somali in Bardera, einer Stadt flussaufwärts der Djuba-Mündung in Südsomalia. Otto Kersten, der bereits im Februar des Jahres aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland zurückkehrt war, erfuhr erst dort vom Tod seines Weggefährten. Die gemeinsamen Forschungsbestrebungen sollten jedoch aufgrund dieser Geschehnisse nicht vergebens gewesen und damit abrupt beendet sein. Die Mutter von der Deckens, Adelheid von Pless, beauftragte Kersten, die gesammelten Forschungsergebnisse und Reisebeschreibungen zu publizieren (Anm. 2). Kersten trug daraufhin alle nötigen Materialien zusammen und so entstand durch die Unterstützung zahlreicher renommierter Wissenschaftler wie Alfred Brehm, Gustav Hartlaub und Wilhelm Peters das sechsbändige Reisewerk Reisen in Ost-Afrika in den Jahren 1859 bis 1865 (Anm. 3).

Schon während seiner Zeit im Ausland und noch viele Jahre nach seiner Rückkehr stand Kersten stets in regem Austausch mit August Petermann und Bruno Hassenstein. Diesbezüglich überrascht es wenig, dass im Nachlass Otto Kerstens in der Schriftleitung von Petermanns Geographischen Mittheilungen zahlreiche Korrespondenzen zwischen Petermann, Kersten und Hassenstein zu finden sind. Kersten übermittelte ihnen in den Jahren zwischen 1866 und 1888 zahlreiche Unterlagen und gab Hinweise zur Bearbeitung der von der Deckenschen Forschungsunterlagen.
Außerdem unterstützte er die Kartographen des Justus Perthes Verlages, die sich mit der Fertigstellung des Werkes befassten, indem er Korrekturanmerkungen vornahm, Titelvorschläge machte und Reisepläne vervollständigte. Darüber hinaus versuchte er, über Kartenskizzen so präzise wie möglich die gesammelten geographisch- kartographischen Informationen zu veranschaulichen und sie in seinen Briefen noch weiter zu konkretisieren.

Otto Kersten, Das Handelsgebiet von Sansibar, Kartenbeilage zum Brief Otto Kerstens an August Petermann, Altenburg, 2. Februar 1870 SPA ARCH PGM 034, Blatt 73

Otto Kersten, Das Handelsgebiet von Sansibar, Kartenbeilage zum Brief Otto Kerstens an August Petermann, Altenburg, 2. Februar 1870
SPA ARCH PGM 034, Blatt 73

Die kleine handschriftliche Karte verweist mit ihren detaillierten Eintragungen auf die für die Kolonialgeschichte des 19. Jahrhunderts wichtigsten Handelsgüter Ostafrikas. Diese waren neben Elfenbein, Gold und Kaffee auch Datteln, Perlen und Muskat. Durch eine präzise Beschriftung von Längen- und Breitengraden war die genaue geografische Ortsbestimmung der dort zu findenden Rohstoffe möglich. Zu dieser Karte gibt es einen erklärenden Brief Kerstens an Petermann, in dem er diesbezüglich erläutert:

[…] Meinem Exposé lege ich eine Karte des Handelsgebietes von Sansibar bei (im Maßstabe 1:25 Millionen, also nach beifolgenden Entwurfe, in Größe der Stielerkarten); sie wird hauptsächlich Häfen, Verkehrswege und Handelsprodukte in ihrer Verbreitung darstellen und soll eine Übersicht des auf allen Karten zerrissenen, aber streng zusammengehörigen westlichen Monsungebietes des indischen Ozeans geben. Falls diese Idee sich für die „Mittheilungen“ eignet, kann ich sie nächstens einmal weiter u. wissenschaftlicher bearbeiten, als dies für mein Exposé möglich ist. […] (Anm. 4)

Wie sich die Zusammenarbeit zwischen Otto Kersten und August Petermann gestaltete, wird besonders deutlich, wenn man sich die zahlreichen Briefkopien und Antwortschreiben Petermanns genauer anschaut. Zur eben beschriebenen Karte antwortet er noch am selben Tag wie folgt:

Brief August Petermanns an Otto Kersten, [Gotha], 3. Februar 1870 – SPA ARCH PGM 034, Blatt 72

Brief August Petermanns an Otto Kersten, [Gotha], 3. Februar 1870 – SPA ARCH PGM 034, Blatt 72

[…] Ihre Übersicht und Karte des Handelsgebiets von Sansibar interessiert mich sehr und auf Ihrer Anfrage bemerke ich, daß ich überzeugt bin, daß dieselbe in jeder Beziehung in den „Mittheilungen“ am Platze sein würde. Ein Aufsatz darüber würde mir sehr willkommen sein, ebenso eine Karte gerade in dem Umfang wie Sie sie bezeichnen. Sie brauchen dieselbe vielleicht nur grob entwerfen, wir würden hier daß Übrige dazu thun. […]

Dieses Schreiben verweist exemplarisch auf die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit. Doch sind in diesem Zusammenhang auch auf die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der oftmals gegensätzlichen Interessen hinzuweisen. So ist im Nachlass von Bruno Hassenstein, in der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz ein Schreiben von Petermann an „einen lieben Freund, die Brenner’sche Karte betreffend“ (Anm. 5) zu finden. Dieser Brief richtet sich mit großer Wahrscheinlichkeit an Otto Kersten, der mit einer frühzeitigen Veröffentlichung einer Ost-Afrikakarte in Petermanns Geographischen Mittheilungen – eines Gebiets, das er selbst erforschte– nicht einverstanden zu sein schien. Petermanns argumentiert dagegen mit Nachdruck:

Wir werden es uns angelegen sein lassen, besonders wichtige neue Entdeckungen immer sofort, oder möglichst schnell unsern Lesern vorzulegen (s. Vorwort vom 15. Februar 1855). [gemeint ist das Vorwort zum 1. Heft der Geographischen Mitteilungen 1855 – J.K.] […] Ich halte dafür, daß es die Billigkeit und Gerechtigkeit [?], die Brenner’sche Karte nicht bloß in ein großes und kostspieliges Werk wie das Ihrige, hineinzustecken, damit zu [vermanquiliren], und erst dann zu publicieren, wenn das gegenwärthige, frische Interesse für den thätigen, eifrigen und unternehmenden Forschungsreisenden verraucht ist, – sondern auch in anderer Form und anderer Weise. […] Der Geist der Zeit erfordert, daß man wenigstens Provisorisches nicht vorenthält. […] (Anm. 6)

Aufgrund der nur wenige Monate später anstehenden Veröffentlichung des von der Deckenschen Reisewerkes stand Kersten dieser Publikation entschieden entgegen. Petermann, ein Wissenschaftler durch und durch, tangierten die persönlichen Befindlichkeiten seines Kollegen wohl nur wenig und so wurde jene Karte bereits 1868 in den Geographischen Mittheilungen abgedruckt (Anm. 7). Damit zeigt sich einerseits, wie wichtig die Aktualität der Informationen für Petermann war und andererseits wie energisch er seinem geographisch-wissenschaftlichen Interesse nachging. Ebenso verweist dieser Brief auf seine unangefochtene Rolle als bedeutender Wissenschaftsmanager seiner Zeit, der für eine aktuelle geographische Nachricht auch vor Meinungsverschiedenheiten nicht zurückschreckte.

Gleichermaßen bedeutsam erscheint der Nachlass Otto Kersten für die Sammlung Perthes, wenn man ihn in Zusammenhang mit der europäischen Afrikaforschung des 19. Jahrhunderts sowie der Afrikakartographie des Verlagshauses sieht.
Der in Leipzig tätige Geograph und Forschungsreisende Hans Meyer (Anm. 8) ist zwar als Erstbesteiger des Kilimandscharo zu nennen, jedoch unternahm Carl Claus von der Decken zusammen mit Otto Kersten bereits Anfang der 1860er Jahre mehrere Expeditionen zum Gipfel des Berges. Durch krankheitsbedingte Ausfälle und durch stark schwankende Witterungsverhältnisse wurden ihre Pläne immer wieder durchkreuzt. Verdienstvoll bleibt deren Leistung dennoch. Obwohl der Gipfel nicht erreicht wurde, sind die Erkenntnisse zur Bestätigung eines mit Schnee bedeckten Bergmassivs in Ostafrika – das schon der Missionar Johannes Rebmann (Anm. 9) erkannte und Kunde davon nach Europa gab – wegweisend für die weitere Erforschung der Region. Auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse und nach zahlreichen weiteren Besteigungsversuchen gelang Hans Meyer erst circa 25 Jahre später die tatsächliche Erstbesteigung (Anm. 10). Somit zeigt sich, wie schwierig sich solche Forschungsvorhaben gestalteten und wie günstig die Umstände für das Erreichen der gesteckten Ziele sein mussten. Darüber hinaus sind die Bilanzen der Reisen von der Deckens und Kerstens als ein weiteres Puzzleteil bei der wissenschaftlichen Erschließung der vom Justus Perthes Verlag initiierten Entdeckung und Kartierung Afrikas zu sehen.

Autorin: Julia Klimkeit, B.A., derzeit Universität Erfurt, Masterstudiengang Sammlungsbezogene Wissens- und Kulturgeschichte (3. Semester)

Anmerkungen

Anm. 1: Henze, Dietmar: Artikel zu von der Decken, Carl Claus, in: Enzyklopädie der Entdecker und Forscher der Erde, Bd. 2, Neuausgabe, Darmstadt 2011, S. 32–36.

Anm. 2: Ebd., S. 36 und Henze, Dietmar: Artikel zu Kersten, Otto, in: Enzyklopädie der Entdecker und Forscher der Erde, Bd. 3, Neuausgabe, Darmstadt 2011, S. 23–24.

Anm. 3: Baron Carl Claus von der Decken’s Reisen in Ost-Afrika in den Jahren 1859 bis 1865, bearb. von Otto Kersten, hrsg. von Adelheid von Pless, 6 Bde., Leipzig und Heidelberg 1869–1879.

Anm. 4: Otto Kersten an August Petermann, Altenburg, 2. Februar 1870, SPA ARCH PGM 034, Blatt 70.

Anm. 5: August Petermann an [Otto Kersten], Gotha, 30. Juli 1868, Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Nachlass Bruno Hassenstein, Kasten III (nicht foliiert). Es handelt sich um einen in den 1970er Jahren von der damaligen Staatsbibliothek Berlin (West) aus dem Antiquariatshandel erworbenen Teilnachlass; http://kalliope-verbund.info/de/ead?ead.id=DE-611-BF-1285.

Anm. 6: ebd.

Anm.7: Brenner, Richard: Originalkarte des Gebietes der südlichen Galla & Waboni nebst den angrenzenden Soamli-Ländern, nach seinen Reisen von 1866 & 1867, in: Dr. A. Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt 14 (1868), Tafel 18.

Anm. 8: Henze, Dietmar: Artikel zu Meyer, Hans, in: Enzyklopädie der Entdecker und Forscher der Erde, Bd. 3, Neuausgabe, Darmstadt 2011, S. 452–457.

Anm. 9: Henze, Dietmar: Artikel zu Rebmann, Johann, in: Enzyklopädie der Entdecker und Forscher der Erde, Bd. 4, Neuausgabe, Darmstadt 2011, S. 557–560.

Anm. 10: Wiese, Bernd: Weltansichten. Illustrationen von Forschungsreisen deutscher Geographen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Köln 2011, S. 217–220, und Henze: Artikel zu von der Decken, wie Anm. 1.

Die Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur nach Rücksprache mit der Sammlung Perthes Gotha weiterverwendet werden.

Stand: 08. Dezember 2016

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