14| Hermann Haacks Porträt von 1956 auf dem Weg in den Westen

Eine „etwas eigenartige Bitte“ – Hermann Haacks Porträt von 1956 auf dem Weg in den Westen

„Mit einer vielleicht etwas eigenartigen Bitte“, wie er selbst in der ersten Zeile seines Briefes formuliert, wendet sich der „VEB Hermann Haack“ Mitarbeiter Kurt Witthauer (1910-1996) am 18. November 1957 an Karl Hossinger (1904-1986), den Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Erfurt. Witthauer ist seit 1955 Mitglied im Redaktionsteam der geographischen Fachzeitschrift „Petermanns Geographische Mitteilungen“ und arbeitet als promovierter Geograph auf dem Gebiet der Bevölkerungsgeographie und der Statistik. Korrespondiert er üblicherweise auf internationaler Ebene mit anderen Wissenschaftlern wie Geographen, Statistikern und staatlichen Behörden, darunter auch das (westdeutsche) Statistische Bundesamt in Wiesbaden (Anm. 1), um in der Rubrik „Geographische Statistik“ von „Petermanns Geographische Mitteilungen“ die aktuellsten geographisch-statistischen Daten auswerten und veröffentlichen zu können, weicht dieser Brief sowohl inhaltlich, als auch betreffend des Adressaten aus der politischen Führungselite der DDR von Witthauers gewöhnlichem Tagesgeschäft ab (Anm. 2).

Gegenstand des Briefes sind nicht etwa veränderte Bevölkerungsdaten oder Farbgebungen von Staatsflaggen, sondern ein 1956 von dem bekannten Maler Wilhelm Otto Pitthan (1896-1967) in Öl gemaltes Porträt. Das Motiv ist der bedeutende Gothaer Kartograph Hermann Haack (1872-1966). Erst drei Jahre zuvor, mit über achtzig Jahren, hatte sich Haack aus seinem letzten großen Arbeitsgebiet, der arbeitsintensiven und verantwortungsvollen Herausgabe von „Petermanns Geographische Mitteilungen“, zurückgezogen (Anm. 3), wobei er jedoch weiterhin dem Verlag verbunden ist und sein dortiges Büro aufsucht. Hermann Haack und seine Frau Johanna Haack (1879-1963) haben 1957 den Wunsch, das Porträtgemälde an ihren jüngsten Sohn Joachim Haack (1905-1969) nach München auszuführen – in Zeiten des geteilten Deutschlands kein einfaches Unternehmen. Joachim Haack ist Oberlandesgerichtsrat und ist spätestens Anfang der 1950er Jahre mit seiner Familie von Thüringen nach München-Pasing gezogen (Anm. 4).

Haack_1957

Auszug aus dem Brief – SPA ARCH HHG 75

Komplett (pdf, ca. 2 MB) Brief zum Verbleib des Haakgemaeldes 1957

Deshalb bittet Witthauer den promovierten Juristen und SED-Politiker Hossinger (Anm. 5) in seiner Funktion als Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Erfurt um dessen „gütige Hilfe“, „unserem verehrten alten Herrn Professor Dr. Haack die Erledigung ihm lästiger Formalitäten abzunehmen“. Er möchte die „dazu etwa notwendige(n) Anträge (…) mit Ihrer [gemeint ist Hossinger] gütigen Hilfe so weit vorbereiten, daß Herrn Professor Haack, dem man zur Zeit jegliche Aufregung fernhalten muß, gegebenenfalls lediglich übrigbleibt, seinen Namen darunter zu setzen.“ Zuvor hatte Witthauer in dieser Angelegenheit bereits beim Rat des Kreises Gotha angefragt, dort wurde ihm mitgeteilt, die Genehmigung zur Ausfuhr des Gemäldes könne „ohnehin nur vom Rat des Bezirkes oder sogar von zentraler Stelle in Berlin erteilt werden.“ Seiner Bitte, den Wunsch der Eheleute Haack zu ermöglichen, selbst wenn prinzipiell die „Ausfuhr eines solchen Bildes nach der Bundesrepublik“ nicht erlaubt ist, verleiht er Nachdruck, in dem er darauf verweist, dass es sich dabei um den „persönlichen Wunsch eines Nationalpreisträgers und Trägers des Vaterländischen Verdienstordens“ handelt.
Wegen der zwischen den beiden deutschen Staaten geltenden Zollbestimmungen ist der Wert des Gemäldes für die Ausfuhrregelung von Bedeutung. Deswegen skizziert Witthauer die Entstehungsgeschichte des Porträts, da er selbst nicht einschätzen kann, „wie man den Wert des Bildes (…) bestimmen soll.“ Er schreibt, „Herr Professor Haack hat vor zwei Jahren von dem Maler W. O. Pitthan, Schlotheim, zwei große Porträts anfertigen lassen. Ein Bild hat er unserem Betrieb zum Geschenk gemacht.“ Ein weiteres, kleineres, hat er für seine Familie in Auftrag gegeben, das Haack nun nach München versenden möchte. „Das Bild hat ein Format von 62 x 76 cm mit Rahmen (reine Bildgröße 42 x 54 cm). Das seinerzeit dem Maler gezahlte Honorar betrug 4000,- DM“ und trägt „auf der Rückseite eine an den Empfänger gerichtete Widmung.“ Des Weiteren teilt Witthauer mit, dass sich das Gemälde momentan im „VEB Hermann Haack“ befindet. Dort soll es für die Ausfuhr „nach Vorliegen der notwendigen Papiere ordnungsgemäß verpackt werden“.

Witthauers Beschreibung des Bildes klärt fast sechzig Jahren nach Verfassen des Briefes offene Fragen zur Auftragsgeschichte der von Pitthan geschaffenen Haack-Porträts, von denen das Größere der beiden Ölgemälde sowie eine Kohlezeichnung, datiert auf 1955, sich heute in der Sammlung Perthes der Forschungsbibliothek, Gotha befinden. Bis jetzt vermutete man, der im Jahr 1953 nach Zwangsverstaatlichung des Justus Perthes Verlag entstandene „VEB (Volkseigener Betrieb) Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha“, dessen Name im Oktober 1955 um den Zusatz „Hermann Haack“ ergänzt wurde, hätte das auf 1953 datierte größere Ölgemälde (Bildgröße: 97 x 97 cm, mit Rahmen 121 x 121 cm) aus Anlass der Auszeichnung Hermann Haacks mit dem „Nationalpreis der DDR I. Klasse für Technik und Wissenschaft“ in Auftrag gegeben. Aus Witthauers Brief geht jedoch hervor, dass Haack selbst den Maler Pitthan mit (mindestens) zwei Porträts beauftragt sowie ein Honorar von 4000,- (Ost) DM gezahlt hat. Ob das genannte Honorar sich auf beide Ölgemälde sowie die Kohlezeichnung bezieht oder nur auf das im Brief erwähnte kleinere Ölgemälde, ist weiterhin eine offene Frage. Die Summe von 4000,- DM entspricht Mitte der 1950er Jahre einem Anteil von fast 75 Prozent des jährlichen Durchschnittsbruttoeinkommens (5100,- DM) eines Bürgers der DDR. Die Verleihung des Nationalpreises ist mit einem Preisgeld von 100.000,- DM verbunden, evtl. hat Haack einen Teil seines Preisgeldes für die Anfertigung der Gemälde verwendet.

Als Witthauer seinen Brief im November 1957 schreibt, befindet sich der Anlass seines Schreibens – das kleinere Porträtgemälde – im „VEB Hermann Haack“. Vermutlich sind zu dieser Zeit Fotografien davon angefertigt worden. Sie sind später für Nekrologe verwendet worden, wie im Jahr 1966 für Haacks Nachruf in „Petermanns Geographische Mitteilungen“. Dort datiert Werner Horn (1903-1978), Schriftleiter von „Petermanns Geographischen Mitteilungen“, das Bild auf 1956 (Anm. 6).

Ob Witthauers „Mühewaltung“ „mit verbindlichem Dank“ beim Politiker Hossinger Erfolg hatte oder ob die Angelegenheit tatsächlich „sogar von zentraler Stelle in Berlin“ aus genehmigt werden musste, ist ungeklärt. Ein Antwortschreiben von Hossinger ist nicht vorhanden. Ebenso unklar ist, ob das Bild im Winter 1957/58 die Reise zum Sohn Joachim nach München wirklich angetreten hat und wo es sich heute befindet. Sein „großer Bruder“, jenes mit 1953 datierte Gemälde „Hermann Haack mit Globus“, welches Haack in den 1950er Jahren dem „VEB Hermann Haack“ geschenkt hat, hängt seit Oktober 2015 restauriert im Ahnensaal des Perthes Forums – Dank der Spenden u.a. von Stephan Justus Perthes und der Unterstützung des „Freundeskreises der Forschungsbibliothek Gotha“ (ausführlich vorgestellt im 11. Fundstück Zum 50. Todestag von Hermann Haack).

Autorin: Alwine Glanz M.A., Gotha/Leipzig, Herzog-Ernst-Stipendiatin der Fritz-Thyssen-Stiftung vom 01.02. bis zum 30.06.2016

Anmerkungen

Anm. 1: vgl. FBG SPA ARCH HHG 75, Blatt 64-73, Zeitraum: 1957-1959.
Anm. 2: vgl. HABEL, Rudolf (1970): Kurt Witthauer 60 Jahre, in: PGM 114/1, S. 67-68, hier S. 67 u. FBG SPA ARCH HHG 74, Blatt 54-57, 139-150, 158-202. u. FBG SPA ARCH HHG 75, Blatt 5-10, 61-62, 79-91.
Anm. 3: vgl. FBG SPA ARCH HHG 626-62-B u. FBG SPA ARCH HHG 624, Blatt 471-581, Schriftwechsel mit Ernst Neef aus den Jahren 1950-1954 betreffend der Nachfolge der Herausgeberschaft für PGM.
Anm. 4: vgl. BAUERFEIND, Günter (2009): Hermann Haack: 1872-1966. Nestor der deutschen Kartographie, in: Urania Kultur- und Bildungsverein Gotha, Gotha, S. 51, Ableitung aus den Geburtsorten der Kinder.
Anm. 5: vgl. KACHEL, Steffen (2011): Ein rot-roter Sonderweg? Sozialdemokraten und Kommunisten in Thüringen 1919 bis 1949. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Bd. 29 Köln, Weimar, Wien, S. 556.
Anm. 6: vgl. HORN, Werner (1966): Das Lebenswerk von Hermann Haack, in: PGM 110/3, S. 161-175.

Die Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur nach Rücksprache mit der Sammlung Perthes Gotha weiterverwendet werden.

Stand: 29. August 2016