12| Die Entstehung eines Atlas – Schritt 1: Das Konzept

Nimmt man heute einen der vielzähligen Atlanten des 19. Jahrhunderts in die Hand, so hat man in der Regel ein strukturell wie inhaltlich fertig konzipiertes Kartenwerk vor sich, dessen Entstehungsprozess im Verborgenen bleibt.
Verborgen bleibt damit auch, dass dieser Prozess sich nicht selten über einen längeren Zeitraum hin- und sich zudem nicht immer geradlinig vollzog, da sich in dessen Verlauf auch grundlegende Veränderungen des ursprünglichen Konzepts oder gar eine prinzipielle Neuausrichtung ergeben konnte. All dies verrät der fertige Atlas uns nur in den seltensten Fällen. Umso bedeutsamer, erkenntnisreicher und damit erfreulicher ist es demnach, wenn sich unter all der Korrespondenz und den unzähligen Dokumenten eines Verlagsarchivs auch ein Manuskript des ursprünglichen Konzeptes, das einem solchen Atlas zugrunde liegt, auffindet.
Die Freude war daher groß, als sich bei den Recherchen zur Entstehung von Reinhold Grundemanns „Allgemeinem Missionsatlas“ ein ebensolches Konzept fand. Bevor ich im Weiteren zumindest auszugsweise auf diesen „Plan zur Ausarbeitung eines Allgemeinen Missions-Atlasses“ (Anm. 1) aus dem Jahre 1864 näher eingehen möchte, ist es jedoch notwendig ein paar Worte über das Werk an sich, dessen Verfasser und die Rahmenbedingungen seiner Entstehung zu verlieren.

Peter Reinhold Grundemann wurde am 9. Januar 1836 in Bärwalde in der Neumark (heute: Miezkowice/Polen) als Sohn des Bärwalder Diakons, Rektors und späteren Pfarrers Peter Grundemann und seiner Frau Friederike Grundemann (geb. Wasserführer) geboren. Nach häuslichem Unterricht durch den Vater und Abschluss des Gymnasiums in Stettin immatrikulierte er sich zusammen mit seinem Bruder Deodat für ein Studium der Theologie an der Universität Tübingen, das er an den Universitäten Halle und Berlin fortführte. Nach dem Studium und der anschließenden Promotion mit einer Arbeit zur „Beleuchtung einiger streitiger Punkte der Topographie des alten Jerusalems“ im Jahre 1858 ging Grundemann für einige Zeit als Assistent nach Athen. Dieser Aufenthalt war für ihn von einschneidender Bedeutung, war es doch hier, dass er „das erste Mal […] etwas von der Mission selbst kennen lernte“.
Nach der Rückkehr aus Athen, die er aufgrund des plötzlichen Todes seines Vaters etwas früher als geplant antrat, übernahm er dessen Vertretung im Pfarramt und absolvierte kurze Zeit später das zweite Examen. Nach seiner Ordination am 26. September 1861 in der Berliner Petrikirche durch Bischof Daniel Amadeus Neander (1775 – 1869) folgten Arbeiten als Hilfsprediger in Dertzow (heute Derczewo/Polen) und Pouch sowie ab 1863 als Krankenhaus- und Gefängnisprediger in Frankfurt an der Oder (Anm. 2).

In diese Zeit fallen seine ersten Publikationen zum Thema Mission sowie die Veröffentlichung einer Missionsweltkarte.

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Grundemann, Reinhold: Missions-Weltkarte zur Übersicht sämmtlicher evangelischen Missions-Gebiete, Leipzig 1862. Quelle: SPK_10_IV.C_B_02 (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes)

In diesem Zusammenhang nahm Grundemann auch erstmals Kontakt zu August Petermann (1822-1878) auf, dem damals führenden Kartographen der geographischen Verlagsanstalt Justus Perthes sowie dem Begründer und Herausgeber der Mittheilungen aus Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt  (kurz: PGM) (Anm. 3). Ausgangspunkt der sich über viele Jahre erstreckenden Korrespondenz zwischen Grundemann und Petermann, die heute im Archiv der Sammlung Perthes aufbewahrt wird, war die Herausgabe eines Missionsatlas, den Grundemann für ein unentbehrliches Hilfsmittel zum Studium der Mission hielt (Anm. 4).  Er hatte über den damaligen Missionsinspekteur der Berliner Missionsgesellschaft Johann Christian Wallmann (1811-1865) in Erfahrung gebracht, dass Petermann einen solchen Atlas herauszugeben gedachte und sich in einem Schreiben an diesen gewandt, ob und wann man mit einem solchen Werk rechnen könnte, da er dadurch nicht selbst mit der Erarbeitung eines solchen beginnen müsse.

Im Verlauf der langwierigen Korrespondenz hatte sich jedoch herausgestellt, dass Petermann seine diesbezüglichen Pläne wegen mangelnder Zeit aufgeben musste und Grundemann selbst die Herausgabe des Atlas bewerkstelligen sollte. Im Zuge dieser Entwicklungen erarbeitete Grundemann nun den hier vorgestellten Plan.

Erste Seite von Reinhold Grundemanns "Plan zur Ausarbeitung eines Allgemeinen Missions-Atlasses" (17.11.1864); Quelle: SPA ARCH MFV 144/1, 22r (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes)

Erste Seite von Reinhold Grundemanns „Plan zur Ausarbeitung eines Allgemeinen Missions-Atlasses“ (17.11.1864); Quelle: SPA ARCH MFV 144/1, 22r (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes)

Im Hinblick auf die Veränderungen die dieses grundlegende Konzept im Verlauf der nächsten Jahre bis zur Fertigstellung des Atlas erfahren sollte, ist aber nicht unbedeutend zu erwähnen, dass dieser Plan selbst sich schon maßgeblich von der ursprünglichen Idee Grundemanns unterschied und deutliche konzeptionelle Eingriffe Petermanns erkennen lässt. So hatte Grundemann anfangs ein Kartenwerk im Sinn, welches sich zwar auf „das ganze evangelische Miss[ions]gebiet“ (Anm. 5) und damit nicht auf die Arbeitsgebiete einer einzelnen Missionsgesellschaft bezog, aber sowohl andere Konfessionen und noch mehr natürlich andere Religionen nicht berücksichtigen sollte. Erst als Petermann in einem Brief an ihn äußerte, dass das geplante Werk alle Missionsgesellschaften umfassen und „nicht auf das evangelische Missionsgebiet beschränkt, sondern auf das katholische ausgedehnt, und das auch von den Religions-Gebieten der Juden, Muhamedaner, Buddhisten und Brahmisten wenigstens Übersichtskarten gegeben werden [sollten]“ (Anm. 6), fasste Grundemann einen allgemeineren Atlas ins Auge.
Die daraufhin erarbeitete Grundkonzeption sandte Grundemann zusammen mit einer vorläufigen Gliederung des Atlas sowie einer Probeskizze an die Geschäftsführung des Perthes Verlages. In diesem Konzept ging er an erster Stelle vor allem auf die Notwendigkeiten ein, die aus seiner Sicht die Herausgabe eines solches Atlas bedingten. So schrieb er:

„Der Mangel an guten Missionskarten wurde mir, einem Missionsfreund von Jugend auf, um so fühlbarer, je mehr ich die Notwendigkeit erkannte, diesem Gebiete nicht nur einen leeren idealistischen Enthusiasmus, sondern ein nüchternes, gründliches, wissenschaftliches Studium zu widmen. Das Fehlen einer einigermaßen zweckentsprechenden Missions-Weltkarte bewegte mich zuerst eine solche für meinen Privatgebrauch auszuarbeiten, welche, nachdem sie von Sachverständigen für die Veröffentlichung nicht ungeeignet befunden war, herausgegeben wurde und trotz ihrer vielfachen Mängel eine unerwartet schnelle u. weite Verbreitung fand. Dieselbe konnte indessen nur dem Bedürfnis der allgemeinsten Uebersicht über die Missionsfelder entsprechen. Die Notwendigkeit guter Spezialkarten für das Studium der Mission drängte sich mir immer mehr auf. Das wenige, auf diesem Gebiete vorhandene Gute reizte zur Nachahmung, während die vielen ungenügenden Missionskarten nur anspornten[,] etwas besseres zu liefern“

Neben dieser Begründung legte Grundemann in diesem Schreiben aber auch konkrete inhaltliche und strategische Überlegungen dar. Hinsichtlich des Umfanges sollte der von ihm ins Auge gefasste Atlas etwa 80 Kupferstich-Karten im Format des Stielerschen Handatlas umfassen, wobei von diesen etwa 50 der „Darstellung der Missionsarbeit unter den Heiden mit Angabe aller ihrer Stationen, womöglich auch der Nebenstationen“ zu widmen wären. Auf 30 weiteren Karten sollte dann

„eine Darstellung der christlichen Länder nach ihren religiösen Verhältnissen [gegeben werden], besonders nach den verschiedenen Denominationen, durch welche die verschiedene Missionsthätigkeit bedingt ist, wie andrerseits ein Hineinziehen der Leistungen auf dem Gebiete der Inneren Mission noch gelegt wird, und ich glaube daß dieselben in einem allgemeinem Missionsatlasse zur Darstellung kommen müßen. Hierdurch würde die Zahl der Karten etwa auf 80 erhöht werden, jedoch verhältnismäßig wenig Arbeit u[nd] Mühe entstehen, da das statistische Material großentheils geordnet vorliegt […] Die Reihenfolge der zu bearbeitenden Blätter würde [dabei] so zu bestimmen sein wie die sonstigen Zwecke des geogr[aphischen] Instituts es wünschen laßen.“

Besonders detailliert geht Grundemann in seinem Konzeptpapier auf die dem Atlas zugrunde zu liegenden Quellen und die jeweiligen Mittel für dessen Ausarbeitung ein. Dabei stehen vor allem die Missionsblätter, das heißt die in der Regel von den einzelnen Missionsgesellschaften herausgegebenen periodischen Zeitschriften, im Mittelpunkt, da Grundemann davon ausging, dass man in diesen „wenn auch meist unter viel Schmu […] doch manches für die Geographie wichtige Körnlein darin“ finden könne. Neben diesen möchte er aber auch noch auf weitere, bisher zumeist ungenutzte Quellen zurückgreifen, nämlich die „von den Missionaren selbst einzubeziehenden Notizen“. Zu diesem Zweck hatte er nach Rücksprache mit August Petermann bereits Frage-Circulare an die Missionsgesellschaften ausgesandt, um konkrete geographische, aber auch sprachwissenschaftliche und ethnographische Informationen zu den einzelnen Missionsgebieten einzuholen. Dieser direkten Verbindung zu den Missionaren kommt für Grundemann eine ganz besondere Bedeutung bei, „wäre [es] doch höchst wichtig nicht nur für das in Rede stehende Unternehmen, sondern überhaupt für die Zwecke eines geographischen Instituts, diese Sache durchgreifender zu betreiben, ja eine stätige Verbindung mit sämtlichen Missionaren anzuknüpfen und zu unterhalten.“ Um eine solche Verbindung mit dem Missionaren aufzubauen, unternimmt Grundemann im Vorfeld, aber auch während seiner Arbeit für den Perthes Verlag einige Dienstreisen in das In- und Ausland und unterhält eine regelmäßige Korrespondenz zu den protestantischen Missionsgesellschaften in Amerika, England, Deutschland und der Schweiz. Diese Reisen waren aber nicht nur der Datensammlung gewidmet, sondern dienten auch der Vorbereitung des späteren Verkaufs, waren doch die Missionsgesellschaften und die ihnen angehörenden Missionare auch die Hauptadressaten, an welche sich das Werk vor allem richtete.

Im weiteren Verlauf des Schreibens geht Grundemann auf die eigentliche Ausführung der Arbeiten an diesem Atlas ein. Er selbst wolle, sofern der Verlag der Herausgabe des Werkes zustimme, „von [seinem] Consistorium auf unbestimmte Zeit bis zur Vollendung des Missionsatlasses einen Urlaub erbitten“ und „mit [seiner] Familie (Frau u. einem Töchterlein) nach Gotha übersiedeln“, um dort „täglich in den Lokalen des Institutes während der zu bestimmenden Stunden [zu] arbeiten“. Dabei wollte er zum einen auf die bereits im Verlag vorhandenen Hilfsmittel (Karten, Literatur etc.) zurückgreifen, erbat sich aber auch die „Anschaffung der noch fehlenden nötigen Hilfsmittel“. Hier vor allem der Jahresberichte der Missionsgesellschaften und andere missiologische und geographische Literatur.

Um seine eigenen kartographischen Fertigkeiten und damit die Fähigkeit nachzuweisen, dass er sehr wohl im Stande sei oder besser sein würde, die geplanten Tätigkeiten auch auszuführen, legte Grundemann seinem Konzept eine Probeskizze des Missionsgebietes von Toungoo (Burma) bei.

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„Das Missionsgebiet von Toungoo“ – Probeskizze Reinhold Grundemanns als Beilage zu seinem „Plan zur Ausarbeitung eines Allgemeinen Missions-Atlasses“ (17.11.1864); Quelle: SPA ARCH MFV 144/1, 26r (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes)

Dennoch schien er, wie er an anderer Stelle ausführlich an Petermann schreibt, mit seinem diesbezüglichen Können nicht ganz zufrieden, was aus den folgenden Zeilen deutlich hervorgeht:

„Obgleich meine technische Fertigkeit im Kartenzeichnen  sehr mangelhaft ist, hoffe ich doch durch energische Uebung bald dazu zu kommen, daß ich stichfertige Karten zu liefern im Stande bin. Vielleicht unterstützt das beiliegende[,] sehr schnell gezeichnete Kärtchen diese meine Hoffnung.“

Der Abschluss seines Papiers ist seinen eigenen Gehaltsvorstellungen gewidmet. Diese erscheinen mit einem Jahresgehalt von 800 Talern recht hoch, verdiente doch August Petermann, der damals führende Kartograph im Hause Perthes, mit 1000 Talern im Jahr nur unwesentlich mehr. Andere, wie der mit der Zeichnung der Karten für den Missionsatlas beauftragte Gustav Breithaupt gingen sogar mit deutlich weniger nach Hause (Anm. 7.).

Grundemanns Plan stieß bei den damaligen Geschäftsführern des Perthes Verlages Adolf Müller und Rudolf Besser trotz einiger Kritikpunkte auf Interesse. Etwa ein Jahr nach Übersendung des Konzeptpapiers, übersiedelte Grundemann für einige Jahre nach Gotha (Anm. 8), nahm die Arbeit an seinem Missionsatlas auf und stellte diesen bis zum Jahr 1869 insoweit fertig, als dass er die noch offenen Aufgaben auch nach seiner Übersiedlung nach Mörz und der Annahme der dortigen Pfarrstelle bis 1871 abschließen konnte. Das Konzept selbst musste im Verlauf dieser Zeit variiert und an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden. So wurden die ursprünglich als Kupferstiche geplanten Karten aus Kostengründen in Lithographie gefertigt und das Format deutlich verkleinert. Zudem wurde die Anzahl der Karten von 80 auf letztlich 72 Hauptkarten reduziert, welche durch über 100 Nebenkarten ergänzt wurden. Durch den enormen Textteil – jede Karte erhielt einen mindestens zwei Seiten umfassenden Begleittext – wandelte sich der Atlas zu einem Handbuch der Mission, welcher neben geographischen Informationen auch Auskunft über die Ethnographie, die Missionsgeschichte und die Sprachen der jeweiligen Region gab.

Gerade aufgrund dieser weitreichend Veränderungen des ursprünglichen Konzeptes gestattet jedoch der Blick in eben dieses eine eindrucksvolle Einsicht in die vielfältige und langwierige Planungsphase, die der Herausgabe eines so umfangreichen Kartenwerkes vorausgeht. Grundemanns „Plan zur Ausarbeitung eines Missions-Atlasses“ gestattet uns somit einen – wenn auch kleinen – Blick in die Werkstatt kartographischer Verlagsarbeit.

Autor: René Smolarski

Anmerkungen

Anm. 1: Hier und im Folgenden (wenn nicht anderes gekennzeichnet): SPA ARCH MFV 144/1, 22-26 (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes).

Anm. 2: Siehe unter anderem NDB 7, 1966, S. 221f., BBKL 2, 1990 und RGG 3 (2000), S. 1305f.

Anm. 3: Die PGM wurde seit dem 16. März 1855 im Gothaer Verlagshaus Justus Perthes unter wechselndem Titel bis zum Jahr 2004 herausgegeben und ist damit eine der frühsten und bedeutendsten deutschsprachigen Fachzeitschriften für Geographie. Siehe unter anderem Demhardt, Imre Josef / Schulte, Birgit A.: Der Erde ein Gesicht geben. Petermanns Geographische Mitteilungen und die Anfänge der modernen Geographie in Deutschland, Gotha 2006.

Anm. 4: Siehe unter anderem Grundemann, Reinhold: Allgemeiner Missions-Atlas, Gotha 1867-1871, S. I.

Anm. 5: SPA ARCH MFV 144/2, 2 (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes).

Anm. 6: SPA ARCH MFV 144/2, 4 (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes).

Anm. 7: Gustav Breithaupt erhielt 1867 ein Jahresgehalt von 375 Talern, wobei 350 davon für die Fertigung der Karten des Missionsatlas ausbezahlt wurden. Siehe Hauptkontobuch Nr. 13 (1862-1867) – Sammlung Perthes.

Anm. 8: Zu Grundemanns Arbeitsumfeld in Gotha siehe Steffen Siegel / Petra Weigel (Hg.): Die Werkstatt des Kartographen. Materialien und Praktiken visueller Welterzeugung, S 242.

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