13| Von Khartum nach Kap Heuglin

In der Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte die Arktis zu den weitgehend unerschlossenen Regionen der Erde, für die sich Öffentlichkeit und Forschung besonders interessierten. Motiviert durch die Aussicht, neue Wasserwege zu finden, starteten zahlreiche Arktis-Expeditionen. In den Naturwissenschaften, die sich im 19. Jahrhundert rasant entwickelten, ging man davon aus, dass die Erforschung der Polarregionen für die Kenntnis der allgemeinen Naturgesetze bedeutend sei. Diese Tatsache motivierte viele Naturforscher zu Reisen ins Nordpolarmeer, umfangreichen Datensammlungen und Natur- und Landschaftsbeschreibungen. Auch August Petermann, der seit 1854 bei Justus Perthes tätige, bedeutende Kartograph beschäftigte sich mit dem Nordpol. Auf der Grundlage von Seebeobachtungen und Schiffsberichten hatte er in seiner Londoner Zeit als freischaffender Kartograph die Theorie eines partiell eisfreien und im Sommer schiffbaren Polarmeeres entwickelt. Nicht zuletzt, weil er darauf hoffte, dass seine Theorie bestätigt werden würde, setzte er sich für die Erforschung der gesamten Nordpolregion ein.

Im Juni 1865 rief er in einem Vortrag auf dem Geographentag in Frankfurt am Main zu einer deutschen Polarexpedition auf, die er als wissenschaftlich und nationalpolitisch bedeutend postulierte. In den von Petermann herausgegebenen Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt (PGM), einer der wichtigsten geographischen Fachjournale der Zeit, die seit 1855 bei Perthes erschien, entwickelte sich die Nordpolforschung ab 1865 zu einem Themenschwerpunkt. Petermann entfachte bei weiten Leserkreisen Begeisterung für die Nordpolforschung. Es gelang ihm, zwei deutsche Nordpolarexpeditionen zu organisieren, mit Spendengeldern zu finanzieren und in Kooperation mit hanseatischen Handels- und Schifferkreisen praktisch zu unterstützen. Diese fanden von Mai bis Oktober 1868 sowie von Juni 1869 bis Herbst 1870 statt. Die Erwartungen an die Ergebnisse der beiden Expeditionen waren hoch. Petermann versprach sich eine umfassende Erforschung und Entdeckung der arktischen Central Region von 75° Nördlicher Breite an (Anm. 1).

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass sich innerhalb der Korrespondenzen, die zahlreiche Wissenschaftler und Forschungsreisende mit August Petermann führten, ein Brief von 1871 findet, der sich inhaltlich mit Ost-Spitzbergen befasst. Ungewöhnlich an diesem Brief ist nicht unbedingt der Inhalt, wohl aber der Verfasser. Denn der Schreiber, Theodor von Heuglin, war bis zu diesem Zeitpunkt kein Polarforscher. Er war auch kein Mitglied einer der beiden deutschen Nordpolarexpeditionen, die Petermann initiiert hatte. Heuglin war Afrikareisender. Seit 1850 reiste er am Roten Meer, in Ägypten, auf dem Sinai, in Nubien und Abessinien. Ab 1852 war er Sekretär des österreichischen Konsulats in Khartum gewesen und hatte sich innerhalb weniger Jahre als wissenschaftlicher Schriftsteller und erfolgreicher Forschungsreisender etabliert. Heuglin hatte sich autodidaktisch umfangreiche Kenntnisse in Botanik und Zoologie, im Zeichnen und Präparieren naturwissenschaftlicher Objekte sowie im Kartieren neuer Landstriche angeeignet. Mit August Petermann war er aufgrund verschiedener Publikationen bereits seit Mitte der 1850er Jahre in Kontakt. Sein Schreiben, das am 13. April 1871 in Gotha bei Petermann eintraf, enthält lange Passagen mit detaillierten Beschreibungen der ostspitzbergischen Landschaft, außerdem zwei Skizzen von seiner Hand.

SPA_ARCH_PGM_62-3_567_IVon Cap Brehm bis Cap Mauch darf kein geschlossenes Eisfeld stehen, dort war überall ziemlich freies Meer nur mit vielen einzelnen Schollen, zwischen Smith’s Öarne ud. dem Zacken, welchen die S.O. Küste von Cap Barkham macht viel Eis. Amadaeus Bg ist nicht so hoch ud. groß als Edlund dessen S.Seite ganz steil in 1. Absturz zum Meer fällt. Bates Bg. ist nur ein langer Rücken, keine hohe Spitze. S.W. vom Amadaeus Bg. noch eine Bg. Gruppe, die fast zusammenhängt zwischen Edlund ud. Bates Bg. mündet ein Gletscher, der N. Abfall des Hellwald Bg. nicht Gletscher sondern steiler Fels! Die N.W. Ecke des Stor Fjord u. der Ginevra Bay wird sich etwa präsentieren wie folgt (Anm. 2):

SPA_ARCH_PGM_62-3_567aHeuglin verdankte seine detaillierte Kenntnis der Landschaft einer Forschungsreise nach Ostspitzbergen, die er von Juli bis Oktober 1870 unternommen hatte. In seinem Brief schreibt Heuglin weiter: Ist der ganze Text zur Karte gesetzt, so bitte den einen Abzug zur Correktur, weil wahrscheinlich noch etwas zu ändern (Anm. 3). Er übermittelt genau die geographischen Beobachtungen und Ergebnisse seiner Reise nach Gotha, die für eine anstehende Kartenpublikation relevant sind.

Außerdem macht er Anmerkungen zu einer Karte, in die möglichst viele neue Informationen eingearbeitet werden sollen. Damit ist recht deutlich, dass der vorliegende Brief die gemeinsame Arbeit von Heuglin und Petermann an der Publikation Originalkarte von Ost-Spitzbergen zur Übersicht von Th. v. Heuglin’s Aufnahmen, 1870 (der Heuglin Zeil’schen Expedition) (Anm. 4), dokumentiert, die in der Ausgabe der PGM von 1871 unter der Rubrik Polar-Regionen erschienen ist. Auch ein näherer Blick auf die entsprechende Karte bestätigt diese Einordnung. Bleibt noch zu fragen, wie es dazu kam, dass sich Heuglins Fokus von Afrika weg in Richtung Nordmeer verschoben hat.

Über das Zustandekommen der ersten Nordpolfahrt liest man in der biographischen Skizze zu Heuglin von Walther Bacmeister, dass der geeignete äußere Anlass auf ihn zukam (Anm. 5).  Tatsächlich zeigt der Briefwechsel mit Petermann, dass Heuglin im Frühjahr 1870 selbst nach Möglichkeiten suchte, eine Fahrt nach dem hohen Norden zu unternehmen. Er war zu diesem Zeitpunkt seit 1865 in Europa und mit der Auswertung und der Publikation seines reichhaltigen Materials und mit Fahrten zu naturkundlichen Sammlungen in Frankreich, Holland und Norddeutschland beschäftigt, die er aufsuchte, um seine Funde und Präparate zu vergleichen.

Im März des Jahres 1870, die zweite deutsche Nordpolarexpedition war noch unterwegs, erhielt Petermann einen Brief von Heuglin mit folgendem Wortlaut:

Ich hätte einige Lust die projektierte Fahrt nach Spitzbergen mitzumachen, obgleich da in naturhistorischer Beziehung nicht gerade viel zu thun ist. Wollten Sie mir gef. mittheilen, wann der Dampfer auslaufen soll u. ob ich im Fall Chance hätte, mich anschließen zu können […]. An den Küstenaufnahmen könnte ich mich auch betheiligen, würde aber vorziehen, das Innere des Landes zu besuchen, wenn das überhaupt möglich – Wie Landreisen dort ausgeführt werden, ist mir freilich nicht bekannt. Ich denke mit Rennthieren? (Anm. 6)

Petermann konnte keine entsprechende Zusage machen. Doch schon im April 1870 teilte Heuglin mit:

Seit meinem letzten Schreiben bezüglich einer Reise nach Spitzbergen, habe ich mir viel Mühe gegeben, eine günstige Gelegenheit ausfindig zu machen. […] Sind die Kosten nicht zu groß, so vereinige ich mich mit einem Bekannten, dem Grafen Waldburg Zeil und wir gehen zusammen, letzterer um zu jagen und ich um zoologische u. wenn nötig geographische Untersuchungen zu machen. (Anm 7.)

Am 20. Mai informierte Heuglin Petermann über das Zustandekommen der Fahrt (Anm. 8).  In aller Eile wurden noch Karten, Material und Instruktionen in Gotha abgeholt. August Petermann setzte für verschiedene Ziele, wie beispielsweise für die Aufnahme der Tausend Inseln und der östlichen, bisher unvermessenen Küste von Spitzbergen, Prämien aus (Anm. 9).  Graf Waldburg-Zeil hatte einen Schoner, die Skjörn Balborg, mit 7 Mann Besatzung für 3 ½ Monate gechartert (Anm. 10).  Der Kapitän des Schiffes, Nils Isakson, war ein erfahrener Nordpolarfahrer. Er hatte die zweite schwedische Expedition nach Spitzbergen mitgemacht und auch die übrige Mannschaft, ein Steuermann, ein Harpunier, drei Matrosen, der Schiffskoch und ein Schiffsjunge waren mit arktischen Gewässern wohl vertraut (Anm. 11).

Am 3. Juni brachen Heuglin und Graf Waldburg-Zeil von Hamburg aus nach Tromsö auf, das den eigentlichen Ausgangspunkt der Expedition bildete. Hier lief das Schiff am 6. Oktober desselben Jahres wieder ein. Der Routenverlauf kann auf der später gedruckten Karte gut nachvollzogen werden. Für ihr rasches Zustandekommen und die personelle Besetzung mit nur einem erfahrenden Forschungsreisenden, der zudem erstmals in das Nordmeer reiste, waren die Ergebnisse laut Petermann „sehr bedeutende und großartige“ (Anm. 12). Alle Ergebnisse und Reisebeschreibungen, die Petermann als interessant und neu einschätzte, erschienen zuerst in den Mitteilungen, zumeist in Form von abgedruckten Briefen mit Kommentaren des Herausgebers. Ein ausführliches Werk von Heuglin zu dieser Expedition erschien 1872 (Anm. 13). Für seine Publikation verwendete Heuglin die gleiche Karte, die auch in den PGM 1871 erschienen war und deren Entwurf und Entstehungsprozess wir anhand des Archivmaterials nachvollziehen können. 1871 war sie die genaueste Karte dieses Teils der arktischen Region. Verzeichnet ist unter anderem auch Kap Heuglin, das bis heute der nördlichste Punkt der Insel Edgeøya im Spitzbergen-Archipel ist.Karte2_Ost-SpitzbergenAutorin: Jenny Brys B.A.

Anmerkungen

Anm. 1: Demhardt, Imre Josef: Der Erde ein Gesicht geben. Petermanns Geographische Mitteilungen und die Entstehung der modernen Geographie in Deutschland, Gotha 2006, S. 53-54.

Anm. 2: SPA ARCH PGM 62/3 567r.

Anm. 3: SPA ARCH PGM 62/3 568r.

Anm. 4: PGM, 17. Band, 1871, S. 494. Außerdem erschien in der PGM 1871, S. 176f.: Th. v. Heuglin’s Aufnahmen in Ost-Spitzbergen 1870, Begleitworte zur neuen Karte dieses Gebiets, Tafel 9 (mit Bemerkungen von A. Petermann) sowie ein Aufsatz von Heuglin über die Vogelfauna in Finmarken und Spitzbergen, S. 57f.

Anm. 5: Bacmeister, Walther: Theodor Heuglin. Forschungsreisender, in: Schwäbische Lebensbilder, Bd. 5, Stuttgart 1950, S. 396-423, hier S. 410.

Anm. 6: SPA ARCH PGM 062/3 Bl. 463r.

Anm. 7: SPA ARCH PGM 062/3 Bl. 466r/v.

Anm. 8: SPA ARCH PGM 062/3 Bl. 470r.

Anm. 9: Heuglin, Theodorvon: Reise in Norwegen und Spitzbergen, Braunschweig 1872, S. 9.

Anm. 10: Ebd., S. 11.

Anm. 11: Ebd., S. 37-38.

Anm. 12: PGM, 16. Band, 1870, S. 451.

Anm. 13: Heuglin, Theodor von: Reise in Norwegen und Spitzbergen im Jahre 1870, Braunschweig 1872.

Die Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur nach Rücksprache mit der Sammlung Perthes Gotha weiterverwendet werden.

Stand: 29. August 2016

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