11| Zum 50. Todestag von Hermann Haack

Vor 50 Jahren, am 22. Februar 1966, starb Hermann Haack. Das außerordentlich lange Leben und das enorm produktive Schaffen des Gothaer Kartographen und Geographen spannte sich über sechs Jahrzehnte hinweg vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und das nationalsozialistische Regime bis in die Frühzeit der DDR und war seit den frühen 1890er-Jahren auf das engste mit dem Gothaer geographisch-kartographischen Verlag Justus Perthes und dessen wechselvoller Geschichte verbunden.
Der 1872 in Friedrichswerth bei Gotha geborene Hermann Haack war bereits als Gothaer Gymnasiast in das Umfeld des Justus Perthes Verlages gekommen. Dessen damaliger Inhaber Bernhard Perthes förderte die außergewöhnliche kartenzeichnerische Begabung Haacks und finanzierte ihm das Studium der Geographie, Geologie und Philosophie in Halle, Göttingen und Berlin. Der Verleger investierte damit in die Zukunft seines Unternehmens, die er in der Verbindung der praktischen Kartographie mit den modernen fachwissenschaftlichen Entwicklungen der Geowissenschaften sah.

Hermann Haack während seines Militärdienstes 1897 in Kiel (© Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300B)

Hermann Haack während seines Militärdienstes 1897 in Kiel
(© Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300B)

Nach seinem Militärdienst trat Haack am 1. Mail 1897 als akademisch ausgebildeter und promovierter Geograph in den Justus Perthes Verlag ein und stieg rasch zu einem seiner führenden Kartographen auf. Nachdem er bereits an der 9. Auflage des „Stieler Handatlas“, dem Leitprodukt des Verlages, mitgearbeitet hatte, wurde er als wissenschaftlich-kartographischer Leiter des Verlages ab 1909 mit der Herausgabe der 10. Auflage des „Stieler“ betraut, die als umfassend neu konzipierte Hundertjahr-Ausgabe 1925 fertiggestellt war und deren permanente Laufenthaltung und Aktualisierung er bis zu ihrer kriegsbedingten Einstellung Anfang 1945 leitete. Neben einer breiten kartographisch-geographischen Publikationstätigkeit entfaltete Haack  weitreichende bildungspolitische Aktivitäten im Bereich der Schulgeographie und -kartographie. Deren Plattform wurde der „Geographische Anzeiger“, den Bernhard Perthes 1899 zunächst als gewinnversprechendes Anzeigenblättchen ins Leben gerufen hatte. Unter dem Einfluss von Haack profilierte sich der „Anzeiger“ zur einflussreichsten deutschen schulgeographischen Zeitschrift, insbesondere nachdem das Blatt zum Organ des von Haack initiierten, 1912 in Gotha gegründeten Verbandes der Deutschen Schulgeographen geworden war. Neben zahlreichen Schul- und Übungsatlanten wurde Haacks Hauptleistung das Wandkartenprogramm des Justus Perthes Verlages. Haack griff dabei auf die älteren Ansätze von Emil von Sydow und Hermann Habenicht zurück und fächerte diese ab 1903 in drei umfangreichen  Wandkartenserien („Großer Geographischer Wandatlas“, „Großer Historischer Wandatlas“, „Physikalischer Wandatlas“) mit insgesamt 129 großformatigen Schulwandkarten auf, deren zentrale Innovationdie gleichermaßen wissenschaftlichen und ästhetischen Prinzipien folgende Reliefdarstellung und Farbgebung waren.

Hermann Haack, 1932 (© Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300B)

Hermann Haack, 1932
(© Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300B)

1944 zog sich Haack, nunmehr 70-jährig, aus dem aktiven Verlagsgeschäft zurück, um nur wenige Monate nach Kriegsende 1945 wieder in den Verlag zurückgerufen zu werden. Der politisch und ideologisch als unbelastet geltende Haack, der u.a als korrespondierendes Mitglied der Geographischen Gesellschaft der Sowjetunion (seit 1932) das Vertrauen der sowjetischen Besatzungsorgane ebenso genoss wie das des (damaligen) Firmeninhabers Joachim Perthes, sollte die Wiederetablierung des Verlages und seiner führenden Produkte, allen voran „Petermanns Geographische Mitteilungen“, vorantreiben. Die „Mitteilungen“ erschienen unter seiner Herausgeberschaft erstmals wieder 1948. 1951 wurde auch die Reihe der „Ergänzungshefte“ zu „Petermanns Mitteilungen“ fortgesetzt.

Hermann Haack, 1952 (©Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300B)

Hermann Haack, 1952
(©Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300B)

Als Ehrendoktor der Friedrich-Schiller-Universität Jena 1952 gefeiert, mit der Alexander-von-Humboldt-Medaille der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin und dem Nationalpreis der DDR Erster Klasse „für grundlegende wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Kartographie und umfangreiche Veröffentlichungen von hohem wissenschaftlichem Wert“ 1953 hochdekoriert, zog sich Haack 1954 endgültig in den Ruhestand zurück, der in eine Zeit tiefgreifender Umbrüche für Justus Perthes‘ Geographische Anstalt fiel.  Damals hatte die Unternehmerfamilie Perthes unter dem repressiven Druck der Entscheidungen der 2. Parteikonferenz der SED, die 1952 nunmehr an den „Aufbau der Grundlagen des Sozialismus“ ging, die DDR verlassen; das privatwirtschaftliche Unternehmen war entschädigungslos enteignet und zum „Volkseigenen Betrieb (VEB) Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha“ zwangsverstaatlicht worden. Damit einher ging eine zunehmende Marginalisierung und ideologisch motivierte Abwertung der historischen Leistungen der Verlegerfamilie. Ihr stellte man die unbestritten bedeutenden wissenschaftlichen Verdienste Hermann Haacks entgegen. Ein 1985 in der DDR, bezeichnenderweise zum 200. Gründungsjubiläum des Verlages erschienener kurzer biographischer Abriss belegt in markigen Worten die Überhöhung der Person Hermann Haacks zur Lichtgestalt einer neuen, fortschrittlichen deutschen Kartographie: „Der Altmeister der deutschen Kartographie“ sei „erst durch unseren sozialistischen Staat entsprechend seiner Bedeutung für den nationalen und internationalen kartographischen Fortschritt seiner Zeit geehrt“ worden und „seine wissenschaftliche Leistungen“ hätten „erst im Arbeiter- und Bauernstaat eine angemessene Würdigung und gesellschaftliche Anerkennung“ gefunden. (Habel 1985, S. 133).

Sonderdruck anlässlich der Umbenennung der VEB Geographisch-kartographischen Anstalt Gotha (©Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300P, Blatt 44)

Sonderdruck anlässlich der Umbenennung der VEB Geographisch-kartographischen Anstalt Gotha (©Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300P, Blatt 44)

Eindrückliches Zeugnis einer nahezu hagiographisch anmutenden Stilisierung der Person und Leistungen Haacks war 1955 die Umbenennung des Verlages in  „VEB Hermann Haack Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha“, die Haack „als eine besonders hohe Ehre [betrachtete], die abzulehnen als Undank erscheinen müßte“ (Forschungsbibliothek Gotha, SPA ARCH MFV 300P, Blatt 42). Die Benennung eines DDR-Betriebes nach einem seiner noch lebenden Mitarbeiter war bis zum Ende der DDR ein einzigartiger Vorgang.  Mit nüchternem Blick betrachtet ist allerdings zu konstatieren, dass eine unvoreingenommene, wissenschaftliche Biographie Hermann Haacks bis heute fehlt, dass die Bewertung seiner wissenschaftlichen Leistung und seiner immer wieder hervorgehobenen unpolitischen Positionen ein Desiderat ist. Erstmals Bedenken meldete der Leipziger Geograph Heinz-Peter Brogiato an, der auf die ungeklärte Rolle Haacks bei der inhaltlichen Ausrichtung des „Geographischen Anzeigers“ nach 1933, bei der Gleichschaltung des Verbandes deutscher Schulgeographen 1933/34 und bei der Verstaatlichung und Umbenennung des Justus Perthes Verlages 1953-55 verwies. (Brogiato 1998, S. 153, 166f. | Brogiatio 2008, S. 28)

Wilhelm Otto Pitthan, Porträt Hermann Haack, Öl auf Leinwand, 1953 (Forschungsbibliothek Gotha, Ahnensaal des Perthes Forums, ©Foto: Sergej Tan)

Wilhelm Otto Pitthan, Porträt Hermann Haack, Öl auf Leinwand, 1953
(Forschungsbibliothek Gotha, Ahnensaal des Perthes Forums, ©Foto: Sergej Tan)

Wilhelm Otto Pitthan, Porträt Hermann Haack, Kohlezeichnung, 1955 (©Forschungsbibliothek Gotha, Ahnensaal des Perthes Forums)

Wilhelm Otto Pitthan, Porträt Hermann Haack, Kohlezeichnung, 1955
(©Forschungsbibliothek Gotha, Ahnensaal des Perthes Forums)

In der ersten Hälfte der 1950er-Jahre, dem Höhepunkt der Ehrungen Haacks, entstanden zugleich eine Reihe von qualitätsvollen Porträts, von denen sich heute zwei in der Sammlung Perthes der Forschungsbibliothek Gotha befinden: ein großformatiges Ölgemälde von 1953, das Haack mit den Attributen des Kartographen – Zirkel und Globus – zeigt und das mit Spenden u.a. von Stephan Justus Perthes jüngst restauriert werden konnte und eine Kohlezeichnung von 1956, die die Folge der Porträts im Ahnensaal der Forschungsbibliothek im Perthes-Forum abschließt.
Schöpfer von Gemälde und Zeichnung war der damals in Schlotheim lebende Maler Wilhelm Otto Pitthan (Kürzel WOP). Beide Porträts machten das Bild des über 80jährigen Hermann Haack ikonisch, weil sie in den Nachfolgejahren vielfach zunächst bei Jubiläen und Ehrungen, später dann in Nekrologen und Denkschriften publiziert wurden. Die Umstände ihrer Entstehung sind  bis heute nur in Ansätzen geklärt. Erschwerend ist dabei, dass einerseits  das in der Sammlung Perthes überlieferte Archiv des VEB Hermann Haack bisher kaum erschlossen, andererseits der Nachlass des Malers Pitthan nach dessen Tod 1967 unter seinen Freunden aufgeteilt wurde und heute weit verstreut ist.

Foto: Christian Kreienbrink

Übergabe (Foto: Christian Kreienbrink)

Umso glücklicher ist deshalb der Umstand, dass die Forschungsbibliothek Gotha kürzlich aus privater Hand, von einem Nachfahren eines Freundes von Pitthan, ein weiteres Porträt Hermann Haacks erwerben konnte. Das mit 35 cm x 45 cm relativ kleinformatige, in Öl ausgeführte, auf 1953 datierte Bild ist als eine Vorstufe des in der Sammlung Perthes überlieferten großformatigen Ölporträts anzusprechen. Das Bild ist nicht vollständig ausgeführt, aber aus Perspektive des Malers, der es signiert hat, zu einem gewissen Abschluss gebracht. Weitgehend ausformuliert sind die markanten Gesichtszüge, insbesondere die dem Bild eine besondere Intensität verleihende Augenpartie. Körper, Kleidung und Hintergrund sind hingegen nur angelegt. Besonders bemerkenswert ist, dass das Bild nicht nur die Signatur Pitthans trägt, sondern auch die Unterschrift Hermann Haacks. Sie verweist darauf, dass Haack dem Maler ganz offensichtlich Modell gesessen hat und diesen ersten Entwurf autorisiert hat, bevor Pitthan die abschließende Firnisschicht auftrug.

Dem Beitrag zugrundeliegende Literatur

  • Heinz Peter Brogiato, „Wissen ist Macht – Geographisches Wissen ist Weltmacht“. Die schulgeographischen Zeitschriften im deutschsprachigen Raum (1880–1945) unter besonderer Berücksichtigung des Geographischen Anzeigers, Teil 1: Textband, Trier 1998 (Materialien zur Didaktik der Geographie 18), S. 153–167.
  • Heinz Peter Brogiato, Gotha als Wissens-Raum, in: Sebastian Lentz, Ferjan Ormeling (Hrsg.), Die Verräumlichung des Welt-Bildes. Petermanns Geographische Mitteilungen zwischen „explorativer Geographie“ und der „Vermessenheit“ europäischer Raumphantasien, Stuttgart 2008 (Friedenstein-Forschungen 2), S. 15 –28.
  • Rudolf Habel, Hermann Haack. Gesellschaftlicher Fortschritt und Wandel, in: Gottfried Suchy (Hrsg.), Gothaer Geographen und Kartographen. Beiträge zur Geschichte der Geographie und Kartographie, Gotha 1985, S. 127–133.
  • Werner Horn: Das Lebenswerk von Hermann Haack, in: Petermanns Geographische Mitteilungen 110, 1966, S. 161 –175.
  • Franz Köhler, Biobibliographien Gothaer Geowissenschaftler, Gotha 2008, S. 7f. https://www.uni-erfurt.de/fileadmin/public-docs/Sammlung_Perthes/Benutzung/Koehler_ Biobibliographien_ Gotha.pdf (letzter Abruf: 19.02.2016)

Autorin: Petra Weigel. Die Autorin ist Referentin der Sammlung Perthes Gotha.

Bildnachweis
Universität Erfurt, Forschungsbibliothek Gotha. Die Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur nach Rücksprache mit der Forschungsbibliothek weiter verwendet werden.