4 | Ubique terrarum: Gelehrtenportraits und ein Blumenstrauß für den Verleger

Dass Persönliches und Berufliches sich im Arbeitsalltag oft vermischen, ist ein Phänomen, das fast jede(r) aus eigener Erfahrung, von Weihnachtsfeiern, Jubiläen und Betriebsausflügen, kennt. Gerade in Familienbetrieben wie dem Justus Perthes Verlag ist die Grenze des Professionellen oft besonders durchlässig gewesen, waren familiäre und persönliche Bindungen doch für das reibungslose Funktionieren des Geschäftsbetriebes von elementarer Bedeutung. Viele Zeugnisse im Archiv der Sammlung Perthes zeigen, wie wichtig persönliche Bindungen zum Verlag auch für viele Mitarbeiter waren. Dies betraf nicht nur die Angestellten in Gotha, sondern auch die freien Mitarbeiter. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Dresdener Botanikprofessor Oscar Drude, der seit den später 1870er Jahren als Gutachter und Berater in Sachen Pflanzengeographie für den Perthes Verlag tätig war und ab 1887 die botanische Abteilung der 3. Auflage des renommierten Physikalischen Atlas von Hermann Berghaus herausgab.

Oscar Drude „Die Florenreiche der Erde“, in: ders., Atlas der Pflanzenverbreitung, Gotha: Justus Perthes, 1887, Tafel 1.

Oscar Drude „Die Florenreiche der Erde“, in: ders., Atlas der Pflanzenverbreitung, Gotha: Justus Perthes, 1887, Tafel 1.

Die Beziehung zwischen Drude und dem Verlagshaus ging schnell weit über das professionell Übliche hinaus, was die frühen Briefe des Botanikers an den Verlag zeigen.
Drude war schon in den ersten Jahren der Zusammenarbeit immer wieder bemüht, seine Beziehungen zum Verlag dauerhaft zu festigen. Dieser Wunsch schwingt nicht nur in vielen seiner Briefe mit, in denen er, besonders mit dem Atlas-Herausgeber Berghaus, einen immer intimeren und freundschaftlichen Ton anschlug. Schon früh bemühte sich Drude auch anderweitig, zu einem dauerhaften Bestandteil der „Perthes-Familie“ zu werden. Ein Beispiel hierfür stammt aus der unmittelbaren Anfangsphase seines Kontakts mit dem Verlag. Im August 1877, als Drude gerade an seiner ersten Karte für die Geographischen Mitteilungen zeichnete, wurde er vom Perthes-Chefkartographen August Petermann gebeten, ihm ein „Portrait“ zuzusenden (Anm. 1).

Entwurf Oscar Drudes zu „Die geographische Verbreitung der Tribus der Pflanzenfamilie“ (1877). Erschien als „Die geographische Verbreitung der Palmen auf der Erde“ in: Petermann‘s Geographische Mitteilungen, Bd. 24, 1878, Karte 2; FBG SPK, 10 III A 5 (9).

Entwurf Oscar Drudes zu „Die geographische Verbreitung der Tribus der Pflanzenfamilie“ (1877). Erschien als „Die geographische Verbreitung der Palmen auf der Erde“ in: Petermann‘s Geographische Mitteilungen, Bd. 24, 1878, Karte 2; FBG SPK, 10 III A 5 (9).

Die Erstellung von Fotoalben mit berühmten und/oder befreundeten Gelehrten war in der Frühneuzeit eine gängige humanistische Praxis zur akademischen Gemeinschaftsbildung, die Petermann offenbar weiterhin praktizierte. Drude nutzte Petermanns Anfrage, um ihn zu einer Gegengabe zu bitten. Die Grenzen zwischen fachlichen und persönlichen Verbindungen verschwommen dabei explizit:

Ihrer freundlichen Aufforderung, Ihnen mein Portrait zu senden, komme ich um so lieber nach, ja mehr dieselbe mir zur Ehre gereicht; sofern Sie mir eine noch größere Ehre erweisen wollen, so möchte ich wohl auch Sie um Ihre Photographie bitten, um dieselbe meinem Botaniker-Album einzuverleiben – ein schöner Beweis für den innigen Connex zwischen Geographie und einer ihrer Töchter, der Botanik! (Anm. 2)

Auch wenn die Photographie heute nicht mehr im Verlagsarchiv zu finden ist – der „Connex“ zwischen Geographie und Botanik, den Drude hier als Ziel ausgab, verfestigte sich in den kommenden Jahren rasant für ihn. Schlussendlich wurde er eine Art Sohn des Hauses, in persönlicher wie professioneller Hinsicht.
Als im Jahr 1885, mitten in seiner Arbeit am Physikalischen Atlas, das hundertjährige Firmenjubiläum anstand, verlieh Drude seiner Dankbarkeit über die Aufnahme in die Perthes-Familie durch eine besondere Geste Ausdruck: Er pflückte einen pflanzengeographischen Blumenstrauß für den Verlag. Für den Strauß suchte er in seinem botanischen Garten in Dresden Pflanzen aus allen Teilen der Erde zusammen, die er etikettierte, zusammenband und nach Gotha sandte. In einem Begleitbrief beschrieb er dem damaligen Verleger, Justus Bernhard Perthes, was es mit den einzelnen Blumen auf sich hatte.

Ausschnitt aus Oscar Drudes Brief an den Verlag, 10. September 1885, anlässlich des hundertjährigen Firmenjubiläums des Perthes Verlages; FBG SPA, Schriftleitung PGM, Mappe 261, ohne Seitenangabe.

Ausschnitt aus Oscar Drudes Brief an den Verlag, 10. September 1885, anlässlich des hundertjährigen Firmenjubiläums des Perthes Verlages; FBG SPA, Schriftleitung PGM, Mappe 261, ohne Seitenangabe.

Er selbst sei, so schrieb Drude, nur ein Mediator; eigentlich grüße die Pflanzenwelt selbst den Verlag:

So schickt Ihnen Mittel-Europa in einem Zweige der Zerr-Eiche einen österreichisch-ungarischen Gruß, zu dem Raute und Gladiole [in] Duft und Blütenfarbe gefallen; Süd-Europa meldet sich durch seinen berühmten Strauch Vitex Agnuscastus, auch im Orient verbreitet und von den Arabern „Hand der Maria“ genannt. Der Nil und Ost-Indiens Gewässer senden Nymphaea rubra, die indisch-ostasiatischen Gewässer die „ägyptische“ Lotusblume Nelumbium (leider nur in einer noch nicht völlig reifen Knospe), die Mongolei Blätter des officinallen Rhabarbers, der Himalaja  einen Rhus, Ostindien seinen Ricinus und sein altes Culturgras Setaria, Japan einen Strauß seiner schönen Anemonen. (Anm. 3).

Drude beschrieb nun, welche Regionen der Erde er für den Verlag noch (wortwörtlich gesprochen) abgegrast hatte: das „Capland“ und andere Teile Afrikas, Australien, die Vereinigten Staaten, Mexiko, das tropische Amerika wie auch das Hochland, Südbrasilien und Chile, wobei zum Bedauern des Botanikers die Wasserpflanze Victoria regia „einen Tag zu früh für Ihre Jubelfeier erblühte“ (Anm. 4).  Damit waren alle Florenreiche im Blumenstrauß vertreten. Nur das „antarktische Florenreich“, so bemerkte Drude schmunzelnd (Anm. 5),  sei „undankbar“ gewesen und habe nichts „zur Jubelfeier beizutragen“, obwohl der Gothaer Verlag doch so viel zur Erforschung der Polarregionen beigetragen habe (Anm. 6).
Natürlich steckte in Drudes Bemerkung, er habe durch den Strauß die Pflanzengeographie „zu einem – wenn auch noch so bescheidenen – Antheil an der Jubelfeier nützlich machen“ (Anm 7.) wollen, ein scherzhafter Grundton. Liest man den Brief genauer, fallen aber auch viele Passagen ganz ernstgemeinter Demutsbekundung und familienähnlicher Zuneigung auf. So empfand er dem Verlag gegenüber Gefühle, von denen nicht alle zum typischen emotionalen Repertoire akademischer Zusammenarbeit gehören: „Hochachtung, Liebe und Hoffnung“ (Anm. 8) . An anderer Stelle meinte er, sich durch sein Engagement für den Verlag mittlerweile „das Recht“ zum Glückwunsch „erworben“ zu haben (Anm. 9).  Aus diesen Aussagen sprach Respekt für die hundertjährige Geschichte des Verlages, aber auch Stolz, zu dem mittlerweile weltweit operierenden Unternehmen dazuzugehören.
Übrigens war der Botaniker nicht bei einem morgendlichen Spaziergang durch den botanischen Garten auf die Idee zu seinem pflanzengeographischen Blumenstrauß gekommen. Nach eigenem Bekunden hatte ihn stattdessen eines der wichtigsten Embleme des Perthes Verlages zu seinem Geschenk inspiriert: die Titelvignette der Geographischen Mitteilungen.

Titelvignette der „Mittheilungen aus Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt“ (später „Petermann‘s Geographische Mitteilungen“).

Titelvignette der „Mittheilungen aus Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt“ (später „Petermann‘s Geographische Mitteilungen“).

Auf dieser runden Vignette waren im unteren Teil Wellen eines Meeres zu sehen; im Zentrum am Horizont ragte ein Strauß Blumen hervor. Über dem Strauß war als Halbkreis der Schriftzug zu lesen: „Ubique terrarum“.
„Überall auf der Welt“: In diesem Leitspruch des Verlages drückte sich ein doppelter Anspruch aus. Zunächst gehörte alles Irdische – alles, was sich geographisch beschreiben ließ – zum Gegenstandsbereich der Zeitschrift. Es ging in den Mitteilungen um die „Gesamtgebiete der Geographie“, wie es auf dem Titelblatt hieß, und diese Geographie sollte unabhängig von politischen Grenzen bestehen. Zugleich artikulierte sich in dem Leitspruch der angestrebte Wirkungskreis des Verlages. Um das Jahr 1885 waren die Produkte des Verlages tatsächlich – von Gotha aus gesehen – in immer entferntere Winkel der Erde vorgedrungen. Es ließe sich darüber streiten, ob die „Welt“ als tatsächlicher Absatzmarkt nicht etwas zu hoch gegriffen war. Doch war es doch ein erstaunlich großer Ausschnitt von ihr, den das Verlagshaus aus der kleinen thüringischen Stadt mit Produkten wie dem Physikalischen Atlas belieferte.

Autor: Nils Robert Güttler

Der Verfasser studierte Geschichte und Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für seine Doktorarbeit mit dem Titel „Das Kosmoskop und seine Benutzer“, in der die Rolle von Karten in der Pflanzengeographie des 19. Jahrhunderts rekonstruiert wird und die ebenfalls an der Humboldt-Universität und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte entstand, benutzte er intensiv die Bestände der „Sammlung Perthes“.

Anmerkungen

Anm. 1: Drude an Petermann, 21.8.1877, FBG, SPA, Schriftleitung PGM, Mappe 261, Blatt 17-20.

Anm. 2: Ebda.

Anm. 3: Drude an Justus Bernhard Perthes, 10.9.1885, FBG, SPA, Firmen- und Familienarchiv (Firmenjubiläum 1885), ohne Seitenangabe.

Anm. 4: Ebda.

Anm. 5: Tatsächlich hatte Drude in seinem Buch „Die Florenreiche der Erde“ (Gotha: Justus Perthes, 1884) ein „antarktisches Florenreich“ definiert, doch war dessen wesentliches Charakteristikum gerade seine Armut an Arten.

Anm. 6: Drude an Justus Bernhard Perthes, 10.9.1885, FBG, SPA, Firmen- und Familienarchiv (Firmenjubiläum 1885), ohne Seitenangabe.

Anm. 7: Ebda.

Anm. 8: Ebda.

Anm. 9: Ebda.

Die Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur nach Rücksprache mit der Sammlung Perthes Gotha weiterverwendet werden.

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