10| Julius Payer entdeckt Petermannland – Wie eine Chimäre in die Karten des Perthes Verlages einging

Mitten in der Nacht vom 4. zum 5. September 1874 erhielt August Petermann, Gründer und Herausgeber der nach ihm benannten „Geographischen Mitteilungen“, ein Telegramm aus Wien, mit der Bitte, über den heißen Draht einen Artikel über die „vorliegenden Nachrichten der Nordpolfahrer“ zu senden. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Geograph selbst noch nicht einmal erfahren, dass die „Nordpolfahrer“ – gemeint sind die Teilnehmer der maßgeblich von ihm initiierten österreichisch-ungarischen Nordpol-Expedition – nach über zwei Jahren aus dem Eis zurückgekehrt waren (Anm. 1).

Bereits im Juli 1872 war dieses von den k. u. k. Offizieren Julius Payer und Karl Weyprecht geleitete Unternehmen aufgebrochen, den Eisgürtel zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja zu durchbrechen, um dann, so zumindest Petermanns theoretische Planungen, in das schiffbare Polarmeer vorzustoßen und die Nordostpassage zu durchfahren. Allerdings scheiterte diese Expedition in jener Hinsicht: Die „Admiral Tegetthoff“, der eigens für diese Reise gebaute Dampfsegler, musste vom Packeis eingeschlossen, eine beinahe einjährige Drift überstehen, die schließlich zur wichtigsten Entdeckung der Reise führte: Franz-Josef-Land. Nach drei Schlittenreisen ins Innere der unerforschten Inselgruppe sah sich die Besatzung schließlich gezwungen, ihr immer noch im Eis gefangenes Schiff aufzugeben und in einer dramatischen Rückreise per Schlitten und Boot das offene Wasser zu erreichen. Letztendlich erschien Rettung in Gestalt eines russischen Seglers, welcher die leiderprobte Mannschaft am 15. August 1874 aufnahm.

SPA-Bildarchiv-Payer_002

Julius Payer (SPA-Bildarchiv-Payer_002)

Obwohl somit das eigentliche Ziel der Unternehmung unerreicht blieb, zeigte sich Petermann im Austausch mit Julius Payer, seinem langjährigen Mitstreiter und während der Expedition „Kommandant zu Lande“, begeistert: „daß sie ein ganz neues und kaum vermuthetes Land entdeckt haben, ist weit besser als wenn Sie bis zur Bering Straße durchgefahren wären“. Zudem ergänzte er ohne Bescheidenheit: „es erscheint mir die größte Entdeckung, die in diesem Jahrhundert gemacht worden ist“ (Anm. 2). Angesichts der Entdeckung des Franz-Josef-Landes wurde die Nordostpassage zur Nebensache erklärt.

Noch mehr begeistert haben dürfte den Gothaer Kartografen der Inhalt eines Telegramms, welches Payer einige Tage später, am 23. September 1874, an ihn absandte:

Telegramm vom 23. September 1874 (SPA-ARCH-PGM-082-03_387)

Telegramm vom 23. September 1874 (SPA-ARCH-PGM-082-03_387)

Aufgegeben Hamburg den 23ten 9.       1874        6 Uhr 40 

Petermann Gotha.

Petermannland über 83[° n. B.] nördlichstes
Land der Welt, Cap Wien dessen Westecke[,]
gestern Toast auf Sie.

Payer (Anm. 3)

Während der zweiten seiner Schlittenfahrten gelang Payer eine Sichtung, die er in seinem 1875 veröffentlichten und mit über 60.000 verkauften Exemplaren äußerst erfolgreichen Expeditionsbericht „Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872-1874“ folgendermaßen schildert: „de[n] Anblick blauer Alpensäume im Norden; zum Theil dasselbe Land, welches [Schiffsfähnrich] Orel schon gestern wahrgenommen, und das nunmehr in bestimmteren Umrissen vor uns lag“. Zu Teilen erstreckte sich das Beobachtete „noch jenseits des 83 Breitengrades“ (Anm. 4)  – war also, um erneut das euphorische Telegramm des Oberleutnants zu zitieren, das „nördlichste“ bis zu diesem Zeitpunkt verzeichnete „Land der Welt“. Zu Ehren seines Mentors nannte Payer diese Erscheinung „Petermannland“. Bereits während einer früheren Expedition nach Grönland hatte er dort einen Berg nach seinem Förderer „Petermann-Spitze“ getauft.

Der euphorische Unterton des Telegramms vom 23.9. sowie der erwähnte Toast auf Petermann erklären sich leicht, wenn man berücksichtigt, dass Payer und den übrigen Expeditionsteilnehmern nach zwei Jahren voller Entbehrungen ein begeisterter Empfang in Hamburg zu Teil geworden war. Die österreichischen Grafen Wilczek und Zichy, maßgebliche Förderer der Expedition, waren den Polarhelden gar per Schiff entgegen gefahren und am Abend hatte ein großes Ehren-Bankett stattgefunden.

Abseits offizieller Empfänge und Zwänge wurde die Expedition jedoch nüchterner betrachtet. Nahezu kleinlaut wirken im Vergleich die Bleistiftzeilen, welche Payer auf die Rückseite eines Briefes kritzelte, den Petermann bereits zwei Tage früher, am 21. September 1874 erhielt: “Sie werden erkennen[,] daß unsere Expedition jedes nautischen Erfolges bar ist“ gesteht der Österreicher ein und verwirft mit seiner Feststellung „mit dem Schiffe haben wir gar nichts erreicht“ den gesamten Expeditionsplan. Verschwörerisch bittet er schließlich, diese Zeilen „Niemanden zu zeigen, sondern zu zerreißen“ (Anm. 5).  Für Petermann, der schon 1865 in den Geographischen Mitteilungen postulierte, dass „die Erreichung des Nordpols von Spitzbergen aus mit einem Schraubendampfer heut zu Tage eine sehr leichte, geringfügige Sache sein würde“ (Anm. 6), dürfte dieses Feststellung eine herbe Enttäuschung gewesen sein. Eine seiner Hauptthesen, mittels der er wiederholt für die Durchführbarkeit einer Reise in die arktische Zentralregion plädiert hatte, wurde von einem langjährigen Mitstreiter und Vertrauten mehr als nur in Frage gestellt.

Ungeachtet der fragwürdigen wissenschaftlichen Erfolge der Expedition, interner Zweifel und folgender Kontroversen, beflügelte das vermutete Petermannland einige Jahre die Phantasie, bot es doch ein Ziel für weitere Reisen, wenn nicht gar einen möglichen Landweg näher an den Pol. In den Karten des Perthes Verlages behauptete sich Petermannland bis an die Wende zum 20. Jahrhundert, noch in der 8. Auflage des „Stieler Handatlas“ von 1895 ist es zu finden und stellte sich am Ende dennoch als bloße Einbildung eines eifrigen Entdeckers heraus, als Täuschung im Nebel.

Petermannland in einer Karte der PGM von 1876 (SPK_547-111958555)

Petermannland in einer Karte der PGM von 1876 (SPK_547-111958555)

Als schließlich die Reise des Norwegers Fridtjof Nansen 1895/96 die Erkenntnis lieferte, dass Petermannland keine große Ausdehnung haben könne und die italienische Expedition mit der „Stella-Polare“ 1899/90 dessen Existenz endgültig wiederlegte, war Petermann längst tot und Payer hatte sich – wohl hauptsächlich aus Enttäuschung über mangelnde Anerkennung – längst von der Polarforschung verabschiedet.

Autor: Erik Liebscher

Der Verfasser ist Student des Master-Studiengangs „Sammlungsbezogene Wissens- und Kulturgeschichte“ der Universität Erfurt.

Anmerkungen

Anm. 1: Briefkopie August Petermann an Julius Payer, SPA-ARCH-PGM 082/03, Bl. 382.

Anm. 2: Briefkopie August Petermann an Julius Payer, SPA-ARCH-PGM 082/03, Bl. 382.

Anm. 3: Telegramm Julius Payer an August Petermann, SPA-ARCH-PGM 082/03, Bl. 387.

Anm. 4: Julius Payer: Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872-1874. Nebst einer Skizze der zweiten deutschen Nordpol-Expedition von 1871, Wien 1875, S. 334.

Anm. 5: Brief Julius Payer an August Petermann, SPA-ARCH-PGM 082/03, Bl. 383.

Anm. 6: August Petermann: „Die Eisverhältnisse in den Polarmeeren und die Möglichkeit des Vordringens in Schiffen bis zu den höchsten Breiten“, In: PGM 11 (1865), S. 136-146, hier S. 141.

Literatur

Berger, Frank: Julius Payer. Die unerforschte Welt der Berge und des Eises. Bergpionier – Polarfahrer – Historienmaler, Innsbruck (u.a.) 2015.

Felsch, Philipp: Wie August Petermann den Nordpol erfand, München 2010.

Henze, Dietmar: „Payer, Julius“, In: Ders.: Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher der Erde, Bd. 4, Darmstadt 2011, S. 43-61.

Müller, Martin: Julius von Payer. Ein Bahnbrecher der Alpen- und Polarforschung und Maler der Polarwelt, Stuttgart 1956.

Payer, Julius: Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872-1874. Nebst einer Skizze der zweiten deutschen Nordpol-Expedition von 1871, Wien 1875.

Petermann, August: „Die Eisverhältnisse in den Polarmeeren und die Möglichkeit des Vordringens in Schiffen bis zu den höchsten Breiten“, In: PGM 11 (1865), S. 136-146.

Tammiksaar, Erki / Suchova, Natal’ja G.[].: „August Petermann und seine Hypothesen über das Nordpolarmeer“, Polarforschungen 65.3 (1995), S. 133-143.

Die Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur nach Rücksprache mit der Sammlung Perthes Gotha weiterverwendet werden.

Stand: 5. Oktober 2015

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