9| Noblesse oblige – Adel verpflichtet. Der Brief des Prinzen Jussupow an die Redaktion des Gothaer Hofkalenders 1880

St. Petersbourg, le 23. Avril / 5.Mai 1880
Monsieur A. Niemann,
Gotha.
Confirmant mes lettres des 5/17 Mars et 28 Mars/9 Avril, je crois nécessaire de vous envoyer une nouvelle notice biographique de ma famille, puisque dernièrement ma Fille la Princesse Zénéïde a reçu des distinctions de l´Empereur de Russie et de la Reine de Bavière.
En attendant votre obligeante réponse à mes précédentes et à celle-ci, je vous prie, Monsieur, de recevoir l´expression de mes sentiments distingués.
Le Prince N. Youssoupoff

Herr A. Niemann,
Gotha.
meine Briefe vom 5./17. März und 28. März / 9. April bestätigend, halte ich es für notwendig, Ihnen eine neue biographische Angabe von meiner Familie zu senden, weil kürzlich meine Tochter Prinzessin Zénéïde Auszeichnungen des Kaisers von Russland und der Königin von Bayern empfangen hat.
In Erwartung Ihrer freundlichen Antwort auf meine vorherigen und diese [Briefe], verbleibe ich mein Herr mit dem Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung.
Prinz N. Youssoupoff

Pünktlich zum alljährlichen Weihnachtsgeschäft erschien in der Verlagsanstalt des Justus Perthes zu Gotha ein Bändchen im Westentaschenformat, das einen festen Platz unter den Weihnachts- und Neujahrsgaben der wohlbetuchten bürgerlichen und adeligen Haushalte des 19. Jahrhunderts hatte. Darüber hinaus fand es sich auf den Schreibtischen in zahllosen Amtsstuben, Ministerien, Botschaften, Kontoren und Sekretariaten auf der ganzen Welt wieder.
Schon 1785 nach Gründung des Verlages hatte Justus Perthes die Herausgabe des Almanach de Gotha bzw. des Gothaischen Hofkalenders von seinem ehemaligen Kompagnon Carl Wilhelm Ettinger übernommen und dieses kleine, anfänglich aufklärerische Kalendarium, das mit einem bunten Repertoire nützlicher, unterhaltsamer, belehrender und informativer Beiträge daherkam, im Laufe der Zeit zu einem diplomatisch-statistisch-genealogischen Staatshandbuch umgebaut. So war aus einem schmalen Bändchen, das 1763 zum ersten Mal in Gotha auf den Markt kam, am Ende seines Erscheinens 1942/44 eine elfteilige Reihe mit weltweiter Verbreitung geworden. Kernstück des Hofkalenders wurden neben den diplomatischen und statistischen Übersichten die adeligen Genealogien. Sie verzeichneten das who-is-who der europäischen Adelsgesellschaft. In unzähligen Abschnitten listete des alljährlich in Deutsch und Französisch erscheinende Kompendium Stammbäume und Familienartikel auf.

Für die Aktualisierung der Beiträge zeichnete jede Familie selbst verantwortlich – ganz nach dem Motto: Adel verpflichtet. Wer im „Gotha“ präsent sein wollte, hatte sich selbst darum zu bemühen. Alle biographischen Veränderungen: Geburten, Taufen, Todesfälle, Heiraten, Scheidungen, aber auch Auszeichnungen, Nobilitierungen und dergleichen musste man unter Beifügung geeigneter Originaldokumente nach Gotha einsenden. Das ersparte den Redakteuren natürlich eine Unmenge an zeitaufwendigen Recherchen und beschränkte ihre Arbeit auf die akribische Überprüfung der eingehenden Informationen.
Ein sehr eindrucksvolles Beispiel dafür ist der Brief, der im späten Frühjahr des Jahres 1880 auf dem Schreibtisch des damaligen Chefredakteurs des Hofkalenders, August Niemann, landete. Der gebürtige Hannoveraner saß seit nunmehr elf Jahren auf diesem Posten und entschied u.a. über die Eintragungen und Berichtigungen im Hofkalender.

SPA-Niemann_000

Bildnis August Niemanns, SPA Album 1885, Bl. 4

Doch diese Post, welche an jenem Tag ins Haus flatterte, dürfte auch ihn, der alltäglich mit aristokratischer Korrespondenz beschäftigt war, in Verzücken versetzt haben, denn mit dem Prinzen Jussupow meldete sich einer der mächtigsten und reichsten Fürsten des Russischen Reiches. Die Familie Jussupow führte sich auf die tatarischen Khans zurück, deren Aufstieg mit den Eroberungen Ivans des Schrecklichen im 16. Jahrhundert zusammenfiel. Ende des 17. Jahrhunderts trat man zum orthodoxen Glauben über und erhielt den Fürstentitel. Seitdem bekleideten die Jussupows hochrangige Ämter im Russischen Reich und standen in unmittelbarer Nähe zur Zarenfamilie. Darüber hinaus waren sie bedeutende Kunstsammler, Mäzene, Unternehmer und Großgrundbesitzer. Eindrucksvolles und zugleich repräsentatives Beispiel für den ungeheuren Reichtum und die damit verbundene Machtfülle ist bis heute der Jussupow-Palast am Ufer der Moika in St. Petersburg.
Diese Größe und Herrschaftlichkeit der Familie spiegelt sich bereits im Briefkopf wieder, der die administrative Gliederung des Hauses referiert.

SPA-ARCH-GEN-1602z_001

Brief N. Youssoupoff an August Niemann, SPA ARCH Gen. 1602z, Bl. 1

Die Korrespondenz selbst wurde von einem Sekretär in Französisch verfasst, der Sprache der Diplomatie und Aristokratie. Desweiteren fällt die ungewöhnliche Datumszeile auf, die gleich zwei Tage – 23. April / 5. Mai 1880 – aufführt. Geschuldet ist dieser Umstand indes dem russischen Kalender, der sich noch bis zur Oktoberrevolution von 1918 am julianischen Modell orientierte und dem übrigen Europa, das sich schon nach dem gregorianischen Kalender richtete, zwölf Tage vorauseilte.
Im Brieftext benachrichtigt Fürst Nicolaus die Redaktion des Gothaer Hofkalenders über die Auszeichnungen seiner einzigen Tochter Zenaïde, die nicht nur für ihren Reichtum, sondern auch für ihre Schönheit über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus bekannt war. Ihr jüngster Sohn Felix sollte dann später durch den Mord an dem Wanderprediger, Wunderheiler und sinistren Berater des letzten russischen Zaren, Rasputin, weltweit Aufmerksamkeit erregen.
Die Fürstin war dem vorliegenden Schreiben gemäß zur Ehrendame der russischen Zarin ernannt und von der bayerischen Königin Marie in den Theresienorden aufgenommen wurden. Dem Brief dürften einige beglaubigte Dokumente darüber beigelegen haben, die diese Ehren zweifelsfrei bezeugten. Nach einschlägiger Prüfung dieser Papiere gelangten dieselben natürlich wieder zu ihrem Eigentümer zurück und der Eintrag im Hofkalender wurde dementsprechend redigiert.

Hofkalender_1888_370

Gothaischer genealogischer Hofkalender nebst diplomatischen Jahrbuch 1888. Gotha, Justus Perthes 1888, S. 370.

Autor: Sven Ballenthin

Die Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur nach Rücksprache mit der Sammlung Perthes Gotha weiterverwendet werden.

Literatur:

  • Fritsch, Thomas von: Die Gothaischen Taschenbücher, Hofkalender und Almanach. Limburg 1968.
  • Jussupoff, Felix: Rasputins Ende. Erinnerungen. München 1985.
  • Tisseron, Quincy de: Notice historique sur la famille des Princes Youssoupoff. Paris 1857.
  • Weigel, Petra: Die Sammlung Perthes Gotha, Forschungsbibliothek Gotha (Patrimonia, 254). Berlin 2011.
Advertisements