7| Zwischen biblischer Geschichte und moderner Kartografie – das Heilige Land in Stielers Hand-Atlas 1858

Die moderne Kartografie des Heiligen Landes erwächst aus der älteren, bis in die Spätantike zurückreichenden Bibel-Kartografie und den auf astronomisch-mathematischer Basis beruhenden Vermessungskampagnen, die – vor allem von britischen und französischen Militärs vorgenommen – seit dem frühen 19. Jahrhundert auch Palästina erfassten. Das anwachsende Wissen über die detaillierte Topografie des Landes diffundierte in die Karten des Stieler-Handatlas, des seit 1817 im Justus Perthes Verlages Gotha verlegten Weltatlas, der in insgesamt elf Auflagen zum Spitzenprodukt des Verlages avancierte. Erschien in den ersten Ausgaben in den 1820er- und 1830er-Jahren Palästina lediglich als Nebenkarte innerhalb einer größeren Karte des „Mittelländischen und Schwarzen Meers“, war ab 1844 ein völlig neues Kartenbild auf dem Mark, das hier in seiner Version von 1858 gezeigt wird. Es zoomte aus der älteren kleinmaßstäbigen Karte hinein in die Region, bezog die Ergebnisse der jüngeren Palästina-Literatur und insbesondre der neueren Vermessungen mit ein und wurde entsprechend der Qualitätsstandards des Perthes Verlages ständig aktualisiert.

Palästina nach den zuverlässigen alten und neuen Quellen von Karl von Raumer und Friedrich von Stülpnagel, mit Zusätzen von August Petermann, 1858, kolorierter Kupferstich mit handschriftlichen Einträgen von August Petermann. Erschienen in: Stielers Hand-Atlas über alle Theile der Erde nach dem neuesten Zustande und über das Weltgebäude, 3. Auflage, Gotha 1853–1862, Blatt 42b. (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes, Kartensammlung)

Palästina nach den zuverlässigen alten und neuen Quellen von Karl von Raumer und Friedrich von Stülpnagel, mit Zusätzen von August Petermann, 1858, kolorierter Kupferstich mit handschriftlichen Einträgen von August Petermann. Erschienen in: Stielers Hand-Atlas über alle Theile der Erde nach dem neuesten Zustande und über das Weltgebäude, 3. Auflage, Gotha 1853–1862, Blatt 42b. (Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes, Kartensammlung)

So hatte offenbar auch August Petermann schon kurz nach seiner Anstellung im Perthes Verlag 1855 erstmals in die Karte eingegriffen. Petermann war dafür bestens gerüstet. Seit Mitte der 1840er-Jahre in England hatte sich Petermann verstärkt mit Problemen der physischen Geografie des Heiligen Landes auseinandergesetzt und für die zweite und dritte Auflage von „Beards People’s Dictionary of the Bible“ (1849, 1850) drei Karten Palästinas entworfen.
In der hier gezeigten Karte, die in der Kartensammlung der Sammlung Perthes überliefert ist, bildet sich dieser permanente work in progress an den „Stieler“ Karten deutlich ab. Denn in der modernen Karte des Heiligen Landes hat Petermann mit spitzem Rotstift zahlreiche Korrekturen eingetragen. Bei aller Aktualität markiert die Kartendarstellung des „Stieler“ aber dennoch einen Übergang von älterer Bibel-Kartografie hin zu einer modernen Palästina-Kartografie, denn drei der insgesamt sechs Nebenkarten kartografieren Tatbestände der biblischen Geschichte. Der „Stieler“ erweist sich in dieser Phase damit immer noch als ein Hybrid von topografischem und thematischen, sprich historischem Atlas. Erst in den nachfolgenden Jahrzehnten wird diese Mischform aufgegeben und finden die historischen Karten ihren Platz in eigenständigen Geschichts- und Bibelatlanten des Perthes Verlages.

Autorin: Dr. Petra Weigel

Die Abbildung ist urheberrechtlich geschützt und darf nur nach Rücksprache mit der Sammlung Perthes Gotha weiterverwendet werden.