3 | Die Bernhardt-Minna-Perthes Stiftung

Bewerbung August Kramers

Bewerbung August Kramers (1)

Bewerbung August Kramers

Bewerbung August Kramers (2)

In der Bewerbung August Kramers heißt es: „Unterzeichneter bittet ganz ergebenst, bei Vergebung des Stipendiums, um gütige Berücksichtigung meines Sohnes, des Studenten phil. Willy Kramer, zur Zeit im 4ten Semester. Hochachtungsvoll A. Kramer“ (Anm. 1)

Mit diesen wenigen Worten bewarb sich 1911 der Mitarbeiter des Perthes Verlages August Kramer für seinen Sohn um ein Stipendium der Bernhardt-Minna Perthes-Stiftung. Kurze Zeit später erhielt Kramer 150 Mark aus der Verteilung der Zinsen des Stiftungskapitals.

Quittung vom 27. Oktober 1911

Quittung vom 27. Oktober 1911

Die Bernhardt-Minna Perthes-Stiftung wurde am 31. März 1882 von Minna Perthes zum Andenken an ihren Mann Bernhardt I. Perthes (1821–1857), der zwischen 1845 und 1857 Geschäftsinhaber des Perthes Verlages war, gegründet. Ziel der Stiftung sollte es sein, „zur Unterstützung bedürftiger Personen bei Erlernung einer Wissenschaft, einer Kunst oder eines Gewerbes“ beizutragen. Bewerber aus der Region um Gotha wurden bei der Verteilung der Stipendien bevorzugt (Anm. 2).

Wilhelmine (Minna) Charlotte Amalie Perthes (1826–1884)

Wilhelmine (Minna) Charlotte Amalie Perthes (1826–1884)

Bernhardt Wilhelm Perthes (1821–1857)

Bernhardt Wilhelm Perthes (1821–1857)

Aufschluss über die Stiftung geben neben den Gründungsdokumenten vor allem die reichhaltig überlieferten Korrespondenzen zwischen Antragstellern und Stiftungsträger. So sind verschiedenste Bewerbungen enthalten, die interessante Einblicke in die sozialen Milieus und Karrierewege der Stipendiaten geben.
Der Gothaer Landgeistliche Frenzel bewarb sich etwa mit sehr ausschweifenden Briefen erst für seine drei Söhne und, als diese in den Ersten Weltkrieg zogen, auch für seine Tochter. In einem Brief informierte Frenzel Bernhard II. Perthes, nachgeborener Sohn von Minna und Bernhardt I. Perthes, sogar darüber, dass seinem ältesten Sohn das Eiserne Kreuz verliehen wurde. Anscheinend war es ihm sehr wichtig, Perthes zu zeigen, dass das Geld der Stiftung an seinem Sohn nicht verschwendet sein würde.
Immer wieder wurden auch die Kinder von Mitarbeitern von Justus Perthes‘ geographischer Anstalt gefördert. Die Bewerbung Willy Kramers ist dabei ein besonderer Fall. Sein Vater August Kramer war nicht nur Vorsteher der Kupferstecher und später Leiter der galvanischen Anstalt, sondern von ihm ist auch ein sehr aufschlussreicher autobiographischer Bericht überliefert, der auch in die Festschrift zum 150-jährigen Firmenjubiläum einfloss (Anm. 3).
In seinen Erinnerungen schreibt er von seinem Leben und seiner Tätigkeit im Verlag. Sehr ausführlich schildert er auch, wie ihm nach seinem Einsatz im deutsch-französischen Krieg 1870/71 von seinen Vorgesetzten eine militärische Laufbahn nahegelegt wurde. Da er bei einer vorläufigen Untersuchung jedoch deutlich zu spüren bekam, dass seine Abstammung als Sohn eines Schneidermeisters dafür nicht ausreichte, kam dies für August Kramer nicht in Frage (Anm. 4).
Sein Sohn Willy wurde von der Stiftung von 1911 bis 1914 jährlich mit 150 Mark gefördert. Er absolvierte ein geisteswissenschaftliches Studium, promovierte und wurde später Studienrat in Bad Salzungen, wie aus August Kramers Todesanzeige hervorgeht.

Todesanzeige August Kramers in: Gothaisches Tageblatt vom 2.April 1940

Todesanzeige August Kramers in: Gothaisches Tageblatt vom 2.April 1940

Willy Kramers Aufstieg in einen akademischen Beruf verdeutlicht letztendlich nicht nur die Wirkung der Stiftungsförderung, sondern dokumentiert ebenfalls einen bürgerlichen Aufstieg über drei Generationen: Vom Schneider über den Kupferstecher zum Studienrat.
Eine letzte Frage bleibt jedoch: Warum förderte die Stiftung den Sohn eines Angestellten, der als Vorsteher der Kupferstecher sicherlich ein gutes Auskommen hatte?

August Bernhard Carl Kramer (1850–1940, von 1864 bis 1921 Mitarbeiter des Justus Perthes Verlages) im Kreis der Verlagsmitarbeiter, die am deutsch-französischen Krieg 1870/71 teilgenommen hatten

August Bernhard Carl Kramer (1850–1940, von 1864 bis 1921 Mitarbeiter des Justus Perthes Verlages) im Kreis der Verlagsmitarbeiter, die am deutsch-französischen Krieg 1870/71 teilgenommen hatten

August Kramer hatte als Kupferstecher sowie als Leiter der galvanischen Anstalt den Verlag in einer wichtigen Phase der Modernisierung begleitet. Seine außerordentlichen Leistungen wurden vielfach mit schriftlichen und mündlichen Anerkennungen durch Bernhard II. Perthes sowie mit Geldprämien bedacht. Möglich, dass die Unterstützung seines Sohnes durch die Stiftung eine weitere Würdigung von Kramers Arbeit war.

Autor: Kai Hendrik Schwahn

Der Verfasser studiert an der Universität Erfurt Geschichte und Sozialwissenschaften. Im Rahmen eines Praktikums an der Forschungsbibliothek Gotha/Sammlung Perthes hat er Teilbestände der Überlieferung der Bernhard-Minna-Perthes Stiftung gesichtet, geordnet und ausgewertet.

Anmerkungen:

Anm. 1: Sammlung Perthes Archiv, Firmen- und Familienarchiv, Bernhard-Minna-Perthes-Stiftung, 1911, Bl. 33r-v.

Anm. 2: Sammlung Perthes Archiv, Firmen- und Familienarchiv, Bernhard-Minna-Perthes-Stiftung, 1867–1882, Bl. 1v–3v.

Anm. 3: Perthes, Joachim: Fünf Generationen, in: Justus Perthes 1785–1935, Hauptkatalog 1935, Gotha 1935, S. VII–XXXII.

Anm. 4: Kramer, August: Aus meiner Zeit und meinem Beruf, in: Siegel, Steffen/Weigel, Petra (Hrsg.): Die Werkstatt des Kartographen. Materialien und Praktiken visueller Welterzeugung, München 2011 (Laboratorium Aufklärung 9), S. 245.

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